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Im deutschen Reich · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. 624

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1902-11-01
Page
624 (sequence 8)
Language
German
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624 Im deutschen Reich. ^itri'icfhalten und ruhig abwarten, brs die nichtjüdischen Liberalen unter dem Druck des wirtschaftlichen Niederganges und des Kulturrückschritts jenes Phäakentum abstreifen, welches ihrer Sache und der.Wohlfahrt des ganzen österreichischen Volkes so unendlich geschadet hat. Sie müssen erst durch Schaden klug werden und es erst einsehen lernen, daß der Antisemitismus immer scheinbar nur das Judenthum bekämpft, aber weit über dieses hinaus Alles verwüstet, was bisher zu den edelsten Kulrurerrungenschaften gerechnet wurde. Was vorübergehend auch in dem französischen Freistaat den Antisemitismus hoch brachte, die bekannte unglückjelige Dreyms-Affäre, hat gerade dazu bcigetragen, unzählige Franzosen .davon zu überzeugen, daß nur die Bolksausklärung und eine gesunde, thatkräftige, vorurtheilslose Verwaltung die Volkswohlsahrt fördern und die Korruption bannen kann. Ist doch einem großen Staate nichts heilsamer als die Förderung der Volksbildung, nickts nachtheiliger als eine systematische Volksverdummung und weitgehende Beschwichtigung der Massen durch das uralte despotische Kunststück „Brot und Spiele". Die neueren Versuche der regierungsfeindlichen rückschrittlichen Parteien, den freiheitlichen Umschwung in Frankreich zu hemmen, haben das Gegentheil bewirkt; in weiten Kreisen wird dort jetzt sogar die Frage der vollständigen Trennung von Staat und Kirche erörtert, für welche sich nach einer Mittheilung des Pariser „Frgaro" besonders die Protestanten in S Zeug legen, weil sie von den 40 Millionen des Kultusbudgets für ihre Kulrusbedürftnsse nur die völlig unzureichende Summe von 1l/* Millionen empfangen. Da die Juden vom Kultuobudget nur 200000 Frcs. bekommen, soll der Großrabbiner Zadok Kahn erklärt haben, daß die in Paris lebenden 40O00 Juden nöthigcnfalls die Mittel beschaffen würden, diesen kärglichen Staatszuschuß entbehrlich zu machen. Der Antisemitismus, der sich gegenwärtig noch in Frankreich vemerkbar macht, richtet sich übrigens fast ausschließlich gegen ehemalige Juden, die man auch dort wie anderwärts als Christen betrachtet, so lange sie sich vortbeilhaft auszeichnen, aber sofort wieder ihren früheren Glaubensgenossen an die Rockschöße hängt, wenn sie wirtschaftlich und sittlich entgleisen. Daß Leute, die in der Zeit der Bedrängnis die Reihen ihrer gefährdeten Genossen verlassen, um zu der Mehrheit überzugehen, auch sonst leicht zur Untreue geneigt sind, versteht sich von selbst. So lange der wohlbestallte Kanonikus an der Kathedrale von Tours, Abbs Rojenberg, in Paris eine hervorragende gesellschaft. liche Rolle spielte, kümmerte sich niemand um seine jüdische Abkunft, aber nachdem durch die Flucht des Bankiers Maüeval sein verwerfliches geschäftliches Treiben aufgedeckt wurde, gryb man sofort seinen Stamm-

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