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Im deutschen Reich · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. 623

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1902-11-01
Page
623 (sequence 7)
Language
German
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Umschau. 623 Nationalliberalen und die Gönnerschaft des Bundes der Landwirthe zu entbehren, sondern auch die Maske der Regierungsfreundlichkeit abzulegen. Das Beispiel Bruhns ermuthigt offenbar die sächsischen Reformer Zimmermann und Dietz zu dem Versuche, die im Mittelstände vielfach vorhandenen Mißmulhigen und Unzufriedenen fest um sich zu schaaren und mit diesem Heerbann eine oppositionelle antisemitische Par Leipolitik zu inscenieren. Die gemäßigten Konservativen werden dadurch in die Lage gerathen, sich gegen zwei Fronten, gegen die Sozialdemokratie der vierten Klasse und den in der dritten Klaffe emporwuchernden Anarchismus zu vertheidigen, was rhnen nur dann möglich sein wird, wenn sie sich von allen Elementen befreien, welche sich bisher von der loyalen Larve der Antisemiten täuschen ließen und mit diesen bedenklichen Bundesgenossen freundschaftliche Beziehungen unterhalten wollten. Daß die Fraktion der Deutsch-Konservativen an Stelle des wegen Krankheit abzegangenen bisherigen Vorsitzenden Dr. von Levehow den Abg. von Normann zum Vorsitzenden wählte und nicht den ihnen von den Tivoli - Konservativen vergefchlagenen Freiherrn von Langen, der einst mit Hilfe des Antisemiten Paasch die Flugschrift „Das jüdische Geheimgesetz" herausgegeben hat und durch den Beistand der Antisemiten in das Parlament gelangt ist, zeigt deutlich, daß sich die konservative Fraktion nicht über den Ernst der Lage täuscht. Thatjächlich ist auch nichts gefährlicher als die Unterschätzung der politischen Gegner und die Überschätzung augenblicklicher Erfolge. Der Antisemitismus in Oesterreich, den Manche im Niedergange wähnten, hat zur Ueberraschung Vieler bei den Landtagswahlen in Ober- und Niederösterreich glänzende Siege errungen, weil die Klerikalen alle Hebel in Bewegung setzten, die ihnen sympathische und nützliche Lueger-Winhschaft aufrecht zu erhalten. Die Zerfahrenheit der Liberalen erleichterte dieses Bemühen, und so wurde ein Ergebnis gezeitigt, von dem die „Vofl. Ztg." sagt, „es bedeute die intellektuelle und politische Bankerotterklärung desselben Wiens, von dem in den herrlichen Märztageu von Achtundvierzig ein „Meer von Licht" auf ganz Oesterreich ausgeströmt war, das in dem geistigen Befreiungskampf der sechziger Jahre dem Bürgerthum Deutschösterreichs die Sturmfahne wider den Klerikalismus vorangetragen halte." Außer Wien haben aber auch die Landgemeinden Niederöfterreichs fämmtlich antisemitisch gewählt, so daß auf lange Zeit hinaus die „Luegerei" in Oesterreich obenauf bleibt und zweifellos nach dem Grundsatz „dem. Sieger die Beute" auch ihren neuen Erfolg auf das Rücksichtsloseste ausbeuten wird. Unter solchen Umstanden können die österreichischen Juden kaum besseres rhun, als sich vorsichtig

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