Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-11-01
- Page
- 622 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2316602-2316689-2316699--10216-2330517- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
622 Im deutschen Reich. tagsabgeordneten können die Agrarier selbstverständlich nicht erbaut sein, noch weniger aber von der kundgegebenen Absicht der deutsch-sozialen Reform Partei, im Osten Deutschlands, außer in Arnswaide - Friedeberg, Neustctlin, Schlocbau-Flatcw und Deutsch-Krone, auch in Landsberg-Soldin und Meserih-Bomft Kandidaten aufftellen zu wollen. Der antisemitische Deutsche Volksbund versuchte es überdies mit eigenen Kandidaturen in Pyritz, Sternberg und Marburg auch. Die übrigens bereits als fehlgejchlagen zu betrachtende Aufstellung des als „Ritualmord-Gclehrten" bekannten antisemitischen Pfarrers Krösell- Kloxin in dem bisher von dem Bundesvorsitzenden Freiherrn von Wangenheim vertretenen Wahlkreise Pyritz-Saatzig hat die Konservativen tief verletzt, welche dort für die Wahl den Landtags-Abg. Wendhausen in Aussicht genommen haben. Durch diese antisemitische Mandate jagd in den Gehegen der Konservativen wird selbstverständlich bei diesen nicht die Geneigtheit gefördert werden, antisemitische Kandidaturen in anderenWahlkreisenzu unterstützen. Ohne diese Unterstützung sind aber die Antisemiten machtlos. Umso eigcnthümlicher ist das Verhalten der sächsischen Nationalliberalen, welche sich nicht scheuen, sich mit der Kandidatur des radikal - antisemitischen Rechtsanwalts Dr. Hackel im Kreise Dresden - Altstadt einverstanden zu erklären, außerdem aber durch den Vorsitzenden ihrer Partei, Dr. Gensel in Leipzig, mit dem Vorsitzenden der antisemitischen Reformpartei, Oswald Zimmermann in Dresden über die Vertheilung der übrigen sächsischen Reichstagswahlkreise im Königreich Sachsen schriftlich zu verhandeln. Und dies geschieht fast zu derselben Zeit, in welcher die Antisemiten den Beschluß fassen, den kcmpromißlüsternen Rationalliberalen die Mandate in Annaberg und Chemnitz streitig zu machen.- In der Versammlung des sächsischen Landesvereins der deutsch-sozialen Reformpartei, die am 2. November in Meißen abgehalten wurde, bekundete die antisemitische Gefolgschaft Zimmermanns keinerlei Neigung, mit den sächsischen Nationalliberalen Hand in Hand zu gehen, vielmehr eine große Kampfeslust und Siegeszuversicht, die sich am deutlichsten in dem Satze wiederspiegelre: „Wir werden uns wieder auf einen radikalen Standpunkt besinnen .müssen und unentwegt unserem Ziele nachgehen nach dem Grundsätze: „Der Starke ist am besten allein!" Auch die sonstigen Aeußerungen der antisemitischen Führer auf dem Meißener Parteitage ließen keine Zweifel darüber zu, daß mindestens die deutsch-sozialen Reformer darauf verzichten, eine Kompromißpartei dar^ustellen, sondern daß sie vielmehr dieZeit gekommen wähnen, in der sie es für möglich halten, nicht nur die Freundschaft der