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Im deutschen Reich · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. 615

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Professor H. Steinthal
Date
1902-11-01
Page
615 (sequence 12)
Language
German
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IRI
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Professor H. SteinLhal. 615 enthält, wogegen der Staat etwas einzuwenden hätte, wird von demselben in seinem Rechte geschützt." (Das. S. 250.) „Was ist der Staat? fragt man: Das Volk im Recht, so lautet die Antwort, d. h. die Gesellschaft, Recht herstellend, das Recht in ihrer Mitte überwachend. Möge Deutschland diese Antwort in der That und Wirklichkeit geben." (Das. S. 242.) Daß trotzdem in seinem über alles geliebten deutschen Volke der Judenhaß so verheerend auftreten konnte, schmerzt ihn tief, und als ein Denker grübelt er über die Ursprünge dieser ebenso undeutschen wie unmenschlichen Erscheinung. Als ihre Urquelle bezeichnet er in einem hoch bedeutsamen Aufsätze (Zu Bibel und Religionspbilojophie I. S. 209—230) das Vorurtheil. Der logische Fehler des Vorurtheils besteht in falscher Verallgemeinerung, indem 1. Einzelwesen, die in gewisser Beziehung zusammengehören, als Ln allen wesentlichen Stücken zusammengehörig betrachtet werden, und 2. indem der Gcsammtheit grundlos eine Eigenschaft zugeschrieben wird, die man dann unbedingt auch in jedem Einzelwesen dieser GesammiheiL wiederfinden will. Je nachdem jene Eigenschaft als liebenswerth oder taeelswürdig gilt, werden dann die Einzelwesen der Gcsammtheit und schließlich diese selbst geliebt oder verabscheut. Tie Folge davon ist krankhafte persönliche oder nationale Eitelkeit. Wie der geistig Er. krankte sich für besonders gesund hält, so glaubt der vom Vorurtheil Beherrschte besonders vorurtheilolos zu sein. So werden Vorurtheile wie Lieblingskinder, deren Schwäche wir kennen, sorgsam gehegt. Ein Hauptgrund des Vorurtheils ist ferner Unkenntniß oder besser Widerwille gegen das Unbekannte. Daher ist das Vorurtheil gegen die Juden in den Ländern, am stärksten entwickelt, in denen keine Juden wohnen, wo man sie nur aus Karikaturen und grausigen Geschichten kennt. Neben den Vorurtheilen wird aber von Steinthal, so viel ich weiß zum ersten Male, eine zweite Quelle des Antisemitismus aufgedcckt: „Von keiner Seite her wird uns über Brahmanismus oder Buddhismus eine bestimmte Ansicht des Beifalls oder des Mchfallens als religiös vorgejchricben, über das Judenthum dagegen lehrt das Christenthum ein bestimmtes Urtheit, das jeder Bekenner des letzteren theilen soll. Dem Christen ist der Jude zwar weniger fremd als er dem Römer war, aber er erscheint ihm gerade als sein Gegensatz. Der Gegensatz aber schlägt leicht in den Widerspruch um. und der Ahasver wird zum Antichristen. In letzterem Falle nennt man alles Unchristliche jüdisch und haßt im Juden den Quell alles Bösen. Alle, welche aus irgend einem Grunde verbittert sind, machen den Juden zum Sündenbock, auf den sie alle Schuld wälzen. All dem gegenüber ist

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