Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Professor H. Steinthal
- Date
- 1902-11-01
- Page
- 612 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316689-2316699-2330423--10205-2330507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
612 Im deutschen Reich. das Wort nicht zuverlässig wäre, so könnte der Handel seine Bestimmung nicht erfüllen." (S. 207). Der dritte Theil der Ethik (S. 312—682) betrachtet den einzelnen Menschen, insofern durch ihn sittliche Ideen verwirklicht werden sollen. Er behandelt die Bedingungen, auf welchen die Möglichkeit der Bersittlichung des natürlichen Menschen beruht. Die thierischen Triebe des Menschen gehen allmählich verloren, und neue ideale entwickeln sich aus früher untergeordneten Momenten. Eine ethische Prüfung der Motive d. h. der beabsichtigten Zwecke der Handlung wird erst durch die Besonnenheit möglich. Ein besonnenes Handeln nennen wir Wollen. Freiheit d. h. Selbstbestimmung wird durch eine Erziehung und Bildung erreicht, welche auch auf die sittli *§n Ziele des Lebens gerichtet ist. Das Maß der Bestimmbarkeit der Vorstellungsgruppen durch die ethische Gruppe ist das Mast unserer Sittlichkeit oder Freiheit (S. 37l). Diesen drei Theilen, welche ein Ganzes bilden, schließt sich ein vierter über die ethische Weltanschauung (S. 383—458) an, welcher die Begründung der Verbindlichkeit sittlicher Forderungen überhaupt zu seinem Inhalte hat. Von den drei Ideen des Wahren, des Schönen und des Guten ist nur die dritte für den Einzelnen und für die Gesellschaft obligatorisch. Das Gute muß für die ethische Betrachtung als die ursprünglichste Idee angesehen werden, und die Ethik soll zeigen, „wie du dadurch, daß du dein Denken auf ethische Gebiete lenkst und deine Phantasie reinigst, aus eigener Macht in freier Selbstschöpfung zur Vollkommenheit dich erheben kannst." „Wohl dem, der sagen kann: Ich darf mich dem Kreise der Reinen anschließen, nicht als ob ich rein wäre, aber weil ich immer bemüht war, es zu werden (Allgem. Ztg. d. I. 1892 S. 258)-" m. Bedeutsam ist die Stellung des Ethikers zu seiner Religion, zu seinem Judenthum, geradezu vorbildlich aber ist die Art, wie er es verstanden hat, glühende Liebe zu seinem Judenthum mit hingehendem Patriotismus zu vereinigen. Steinthal ist ein begeisterter Lobrcdner der Bibel. Seine Bemerkungen über die Schönheit des biblischen Ausdrucks und über die psychologische Wahrheit der biblischen Eharakterzeichnnng gehören zu dem Schönsten, was je über die heilige Schrift gesagt worden ist. Vor Allem bieten seine Aufsätze „Zu Bibel und Religionsphilcsophie"