Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Professor H. Steinthal
- Date
- 1902-11-01
- Page
- 611 (sequence 8)
- Language
- German
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Professor H- Steinthal. 611 im Leben bezeichnet, indem das Recht als innere unwandelbare Notwendigkeit in der Gesinnung der sittlichen Gesellschaft lebt; durch die 5. Idee, die Idee der Vollkommenheit, welche das Maß der Herrschaft der ethischen Ideen über das Wollen bezeichnet, ergänzen sich sämmtliche Ideen zu praktischen Geboten. „Vervollkommnung im Sittlichen gefällt, Rückgang oder auch nur Stillstand mißfällt."*) Damit ist Steinthal zum zweiten Teil seiner Aufgabe gekommen, in dem er ausführt, wie die ethischen Ideen durch praktische Einrichtungen und Sitten greifbare Gestalt gewonnen haben (S. 173—311). In den idealen Lebensformen des Hauses, der Gesellschaft, des Staates usw. schließen sich die abstrakten Elementarideen zu concreten sittlichen Gebilden zusammen. Stcinthal zeichnet feinsinnige Idealbilder der Ehe, des Verhältnisses zwischen Eltern und Kindern und zwischen Geschwistern und urtheilt vom Standpunkte des Ethikers über Arbeit, Vermögen und Wirthschast, über Unterricht und Bildung, über Handel und Verkehr, über Kunst und Kunsthandwerk, über Geselligkeit und Erholung. Seine Verteidigung der Sittlichkeit des Handels verdient Zugleich als Probe seines Stils mitgetheilt Zu werden: „Mögen Phönizier wie Amerikaner von Gewinnsucht getrieben worden sein: dies kann mich nicht hindern, die sittliche Institution des Handels anzuerkennen, abgesehen von den Wehlthaten, welche sie nebenbei der Wissenschaft, der Civilisation und Humanität erwiesen hat. Wenn die Arbeit die Erde zu einem Gegenstände der sittlichen Weltordnunz und zum Sitze des Geistes macht, so ist es der Handel, welcher die Völker in Verbindung mit einander setzt und die eigenthümlichen Erzeugnisse eines Landes und seiner Bevölkerung der gesamten Menschheit zuführt; er vollendet die Arbeit, indem er deren Zweck verwirklicht. Darum kann auch ohne Handel keine Arbeit gedeihen. . . . Der Handel macht das Menschengeschlecht ... zu einer wirklichen einheitlichen Gesellschaft. . . Von subjektiver Seite ist es die Vergeltung des Vertrauens durch Treue, welche die Sittlichkeit des Handels als Kerntugend durchdringt . . . und nirgends wird der Sah: ein Mann ein Wort, so streng genommen, wie vom Kaufmann, und die peinliche Uebung desselben wird zur Sache der kaufmännischen Ehre gemacht. . . . Wenn bei den Aufgaben (des Handels) *) Vgl. Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft XI. AuS Herbarts Idee der inneren Freiheit ist bei Steinthal die der sittlichen Persönlichkeit geworden. HerbartS Idee der Vergeltung ist weggefallen, die der Vereinigung hinzugekomme».