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Im deutschen Reich · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. 610

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Professor H. Steinthal
Date
1902-11-01
Page
610 (sequence 7)
Language
German
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610 Im deutschen Reich griffe einer beseelten Gesellschaft zu gelangen. Vielmehr ist ihm die letztere daS Ursprüngliche; in ihr wurzelt das Einzelwesen. „Der Freie ist Frucht und Ziel der begeisteten Gesellschaft, und jeder in ihr hat jeden zum Zweck und alle das Ganze." Allein die Ethik ist berechtigt, über den Werth eines Menschen als solchen abzuurtheilen. (Ethik S. 24, 166.) Sie faßt den Gottesgedanken so, daß Gott das lebendige absolut Gute ist. (S. 121.) „Will man ein persönliches Wesen anerkennen, welches die absolute Güte, Wahrheit und Schönheit an sich ist und Gott genannt wird: so kann der Vernunft das Recht dazu nicht bestritten werden; und dann ist Religion die Begeisterung für Gott. Wer aber eine solche Personifizierung eines' lebendigen Gottes der Güte und Schönheit nicht billigen mag, also Atheist ist, für den ist Religion die Begeisterung für ganz denselben nur unpersönlich aufgefaßtcn Inhalt." (S. 226.) Eine Sittenlehre auf die Voraussetzungen der mechanischen Raturwiffenschaften vom Gesichtspunkte der positiven Religion aufzubauen, ist unmöglich. So ist es die Aufgabe einer modernen wiffenschaftlichen Ethik zu zeigen, wie der Idealismus unserer Gesinnung in voller Anerkennung der mechanischen Welt bethätigt werden kann. Die Aufgabe einer solchen modernen Sittenlehre ist die Bestimmung desien, was gut, was löblich ist, die Beurtheilung der menschlichen Handlungen. Die Gefühle, in denen sich die ethische oder ästhetische Beurtheilung derselben äußert, sind objective, indem sie von einem Objecte aussagen, daß es gut oder schlecht, schön oder häßlich ist. Diese objectiv^n Gefühle entspringen aus reinen ethischen allgemein notwendigen Ideen. Don diesen ethischen Ideen (S. 93 bis 172) sind fünf hervorzuheben: 1. die Idee der sittlichen Persönlichkeit, welche das Wohlwollen an der Thatsache bezeichnet, daß wir über alle Willensregungen ein Selbstgericht üben und unser thatsächliches Wollen dem idealen Wollen ensprechend gestalten; 2. die Idee des Wohlwollens, welche das Wohlgefallen an der Thatsache bezeichnet, daß die ethischen Persönlichkeiten aus freier und bewußter Hingabe Wohlwollen gegen einander empfinden; 3. die Idee der Vereinigung, welche das Wohlwollen an der Thatsache bezeichnet, daß mehrere Willen sich zu einem guten Gesamtwillen zusammenthun: „Jeder für alle und alle für jeden: das ist ein sittliches Verhältnis"; 4. die Idee der Rechtlichkeit, welche das Wohlgefallen an der gegenseitigen Anerkennung und Achtung'der sittlichen Persönlichkeiten

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