Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Professor H. Steinthal
- Date
- 1902-11-01
- Page
- 609 (sequence 6)
- Language
- German
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Professor H. Lteinthal. 609 pendium aller auf diese Menschheitsfrage sich beziehenden literarischen Aeußerungen. Lange Zeit ward seinen sprachwissenschaftlichen Forschungen von den Vertretern der geschichtlichen Sprachforschung Mißtrauen, ja, Mißachtung entgegengebracht. Man bemerkte Mängel, die daraus entsprangen, daß er das betreffende Einzelgebiet nicht völlig beherrschte, und vergaß dabei die größere Weite seines Blickes. Vor allem wollte man die Psychologie, auf welcher Steinthal die Sprachwissenschaft zu begründen suchte, nicht als Erfahrungswissenschaft anerkennen, bis man zu der Erkenntniß gelangte, daß bei der Sprachforschung ein Zurückgehen auf die Grundbedingungen des Sprachlebens unentbehrlich sei, daß das geschichtliche Studium der Sprache von der psychologischen Analyse begleitet werden muß. Es war eine schone Anerkennung seiner sprachphilosophischen Tbätigkeit, daß ihm die Herausgabe der „Sprachphilosophischen Werke" Wilhelms von Humboldt übertragen wurde, deren Handschriften der Königlichen Bibliothek zu Berlin vermacht waren (Berlin 1884).*) 11. Als Philosoph ist Steinthal Gegner der Psychologie Brentanos und Anhänger Herbarts, allerdings nicht in dem Sinne, daß er sklavisch dessen Lehrmeinungen vertritt. Besonders auf dem Gebiet der Ethik weicht er wesentlich von Herbart ab. Seine ethischen Arbeiten, das Endergebnis langjähn'ger Erfahrung und Forschung sind dem Bedürfniß entsprungen, an der Schwelle des Greisenalters Klarheit über Aufgabe, Zweck und Werth des Lebens zu gewinnen. Er will eine neue ideale Sittenlehre schaffen, die im Einklang mit der modernen realcn Aufsassung steht. „Sie wird mich mit Kraft und Hoffnung erfüllen zum Ertragen nnd zum Wirken, zu Kampf und zu Liebe." Er beginnt die Ethik**) nicht mit den lobenswerten Eigenschaften des Einzelwesens, um von ihnen aus zu dem erhabenen Be- *) Eine kurze Würdigung der sprachphilosophischen Thätigkeit Stein« thals bei Pott, Allgemeine Sprachwiffenschaft und Carl Abels Sprachstudien (Leipzig 1886) S. 11. 27. Vgl. Selver in Brüvs populärwissenschaftlichen Monatsblättern XIII (1893) und Holzmann in Allgemeine Ztg. des Judenthums 1899 S. 354—357. **) lieber Steinthal's Ethik vgl. besonders Glogau in der Zeitschrift sür Philosophie und philosophische Kritik 1886 und Theodor Jvanoff Die Abweichungen Steinthal's von Herbart auf dem Gebiete der . ethischen Elementarlehre, Jena 1893.