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Im deutschen Reich · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. 608

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Professor H. Steinthal
Date
1902-11-01
Page
608 (sequence 5)
Language
German
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608 Im deutschen Reich. Volksgeist psychologisch erfassen, den Gesetzen seiner Wirksamkeit in Leben, Kunst und Wiffenschaft der Völker nachspüren, und die Ur> sachen des Entstehens, der Entwicklung und des Untergehens von Volkseigenthümlichkeiten enthüllen. (Vergl. Lazarus, lieber den Begriff und die Möglichkeit einer Völkerpsychologie in „Deutsches Museum" 1851, Juli, S. 112). Mit erstaunlichem Feingefühl hatte Wilhelm von Humboldt und nach ihm Franz Bopp das Wesen des Sprachprozcffes ergründet und die Wechselwirkung zwischen der Sprache eines Volkes und seinem Geistesleben aufgedeckt. Steinthal war es Vorbehalten, die von Humboldt ausgestellten sprach-philosephischen Probleme ihrer Lösung näher zu bringen und die bisher übliche Betrachtung der Sprache von logischen und metaphysischen Gesichtspunkten aus psychologisch zu begründen. Jäger hatte versucht, dem Ursprung der menschlichen Sprache durch die Betrachtung der Tiersprache näher zu kommen. Der von ihm eingeschlagene Weg führt aber nicht so weit, daß die menschliche Sprache irgendwo als gerade Fortsetzung der tierischen hervortritt. Steinthal hebt mit Recht hervor, daß gerade die den Menschen sonst am nächsten stehenden Tiere am wenigsten Keime einer Lautsprache zeigen. Weiß ja selbst Darwin den Mangel an Sprache bei den Affen nur aus dem Mangel an höherer Intelligenz zu erklären, welche den wirklichen Vorfahren der Menschen eigen gewesen sein muß. Mensch und Tier sind darum nach Steinthal als verschiedene Gattungen streng von einander zu scheiden, und die Sprache bildet den artbildenden Unterschied zwischen Menschcnreich und Tierreich. Die Frage nach dem Ursprung der Sprache ist für ihn Gegenstand der Völkerpsychologie, d. h. ein Teil der Urgeschichte der Menschheit. Ihre Beantwortung ist der Kern der Geistcsthätigkeit Steinthals. Ihm ist es zu danken, daß diese Frage sich mit dem Forischreiten der Wissenschaften immer mehr vertiefte. Schon in seinem 1855 erschienenen Buche „Grammatik, Logik und Psychologie", das vor allem gegen K. F. Becker gerichtet ist, bemerkt Steinthal, daß eine Philosophie der Sprache gegenwärtig nicht mehr für verfrüht oder gar für unmöglich gehalten werden könne. Weder aus der Logik noch aus der Physik kann die Sprache einseitig ihren Ursprung nehmen. Die Wissenschaft der Wechselwirkung beider, die Psychologie, kann allein die Grundlage aller Sprachforschung bilden. Mit welch' regem Interesse Steinthal alle dieses Gebiet betreffenden Arbeiten studiert hat, dafür legen die vier Auflagen seines Werkes „Der Ursprung der Sprache" (1851, 1858, 1878,-1888) ein sprechendes Zeugniß ab. Sie bilden e-in wertvolles kritisches Kom-

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