Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 566 (sequence 11)
- Language
- German
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556 Im deutschen Reich. richterlichen Behörden über die unter der Larve der Loyalität von den Antisemiten rastlos betriebene Arbeit aufklären, welche unverkennbar darauf abzielt, auch den Mittelstand mit Mißmut!) über die jetzigen staatlichen und gesellschaftlichen Derhältniffe zu erfüllen, um die Derhetzten für die Parteizwecke um so gründlicher auszubeuten. Daß in Könitz der Mörder Winters und seine Helfershelfer trotz der Kleinheit der Stadt, in der man sich gewiß schwer verbergen kann, der strafenden Gerechtigkeit entgehen konnten, ist zweifellos nur den Quertreibereien der Unberufenen zuzuschreiben, welche behufs Befriedigung ihres Judenhasses die Untersuchungsbehörden beständig auf eine falsche Fährte zu lenken versuchten und die Organe der Behörden lästerten und verdächtigten, sobald sie sich nicht auf diesen Irrweg drängen ließen. Die Mittel und Wege, welche die Antisemiten in Könitz dabei einschlugen, waren genau von ihren österreichischen Parteigenossen abgelernt; das Rezept war dasselbe, welches in Polna mit Erfolg benutzt worden war und würde auch in Könitz durchgeschlagen haben, wenn sich dort ein verkommener Halbjude wie Hilsner gefunden hätte, auf welche die Antisemiten den Mordverdacht in glaubwürdiger Weise hätten lenken können. Auch in Bezug auf die Verdächtigung der Negierungsorgane, welche keine Luft verspürten, sich zu Werkzeugen der antisemitischen Jntrigue zu erniedrigen, war für die Aufwiegler in Könitz das österreichische Vorbild maßgebend. Trotzdem die Tisza-Eszlarer Assaire längst eine den Ritualmordwahn vernichtende Aufklärung gefunden hat, haben die österreichischen Antisemiten immer wieder versucht, den Thalbestand zu verdunkeln, und sich zu diesem Zweck nicht entblödet, den tm Leben ihnen so abhold gewesenen großen Staatsmann Grafen Andrassy mehrere Jahre nach seinem Tode, also zu einer Zeit wo er sich dagegen nicht mehr wehren konnte, zu ihrem Eideshelfer zu erniedrigen. Auch in dem Staatsbürgerzeitungs-Prozeß ist neuerdings von dem angeklagten Redakteur Dr. Bötticher die Behauptung des Fürsten Aleys Liechtenstein wiederholt worden, die ungarische Regierung habe seiner Zeit das Verfahren von Tisza-Eszlar nur deshalb versumpfen lassen, weil sonst bei der erregten Stimmung der Massen Ausschreitungen gegen die Juden zu befürchten gewesen wären. Diese Behauptung des antisemitischen Fürsten Liechtenstein ist von den Söhnen Andrasiys längst als unwahr bezeichnet worden und aus folgenden Gründen, welche Zustizrath Dr. H. M. Cohn im „Berliner Tageblatt" öffentlich geltend machte, ohnehin völlig unglaubhaft: „1. Warum ist Fürst Liechtenstein mit seiner Mitteilung erst nach dem Tode des Grafen Andrassy an die Oeffentlichkeit getreten? 2. Es