Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 567 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316689-2316698--10113-2330366- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 567 ist nicht denkbar, daß Graf Andrassy, der doch kein Kretin war, einem politischen Gegner erzählt haben soll, er habe eine Untersuchung in falsche Bahnen geleitet, und zwar im Gegensätze zu den Bestrebungen und Agitationen eben der Partei, der Fürst Liechtenstein angehört. Eine derartige Erzählung einer eigenen Schufterei ist einfach ausgeschlossen". Wie aber die prinzliche Autorität beschaffen ist, auf welche sich vr. Bötticher berufen zu können glaubte, geht auch aus einer Thatsache hervor, auf welche wir bereits im Februarheft dieser Zeitschrift (Seite 100) hingewiesen haben. Derselbe Fürst Liechtenstein, welcher flottweg die widersinnige Behauptung des Abg. Ernest Schneider bestätigte, Graf Andrassy habe einst ihm gegenüber den Glauben an jüdische Ritualmorde bekundet, richtete in öffentlichen Versammlungen Schmähungen gegen die evangelischen Gemeinden Steiermarks. Darauf erließen diese Maffenprotest gegen den fanatischen hochgestellten österreichischen Reichsrathsabgeordneten, der als Schüler des bekannten Prager Kanonikus Rohling sich nicht damit begnügt, die Juden zu verketzern, sondern das Lutherthum in ähnlicher Weise befehdet und auch dabei in der Auswahl der Waffen nicht gerade wählerisch ist. In dem Maffenprotest der evangelischen Gemeinden wird gesagt: „Der Reichsrathsabg. Prinz Liechtenstein hat kürzlich unerhörte Schmähungen gegen die evangelischen Gemeinden unsers Vaterlandes in öffentlicher Versammlung ausgestoßen. Aufgefordert, seine lügenhaften Behauptungen als Ehrenmann entweder zu beweisen oder zu widerrufen, hat er bis heute geschwiegen; ebenso hat auch der steirische Abg. Baron Morsey in der Reichsrathssitzung vom 25. November 1901 unsere geliebte evangelische Kirche, unser evangelisches Bekenntniß und die evangelische Geistlichkeit beschimpft. Beide Herren haben überdies die Glieder der evangelischen Kirche in Oesterreich als unpatriotisch zu denunzieren versucht. Inwieweit die genannten Herren diese Kampfesweise mit ihren persönlichen Ehrbegriffen zu vereinigen im Stande sind, überlaffen wir ihnen. Wir haben nicht über ihre Ehre zu wachen, wohl aber wollen wir die Wächter unserer Ehre sein. Und darum protestieren wir feierlich gegen diese maßlosen Beschimpfungen." Auch wir deutschen Juden protestieren gegen Beschimpfungen unserer Religion, welche durch die fortgesetzte Wiederauffrischung blödsinniger, mittelalterlicher Ritualmordmärchen in unverantwottlicher Weise herabgewürdigt wird. Die Tragödie von Könitz hat nicht nur gezeigt daß eine gewissenlose Agitation vor keinem Mittel zurückschreckt, um einzelnen kattlinarischen Existenzen zu materiellen Vortheilen zu verhelfen, sondern auch, wie sehr ein niedriger Kultur-