Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 564 (sequence 9)
- Language
- German
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564 Im Deutschen Reich. wittere er Morgenluft, und nun gedenke er sich mit voller Kraft in die antisemitische Agitation zu stürzen. Er sei wieder zu dem „Deutschen Antisenüten-Bunde" zurückgekehrt, wolle diesen wieder groß machen und für die Einigung aller Antisemiten wirken. Bei den nächsten Wahlen seien den Antisemiten im Osten allein sechs Mandate sicher. Die Antisemiten müßten sich aber von den Konservativen losmachen, die oft bis zu den höchsten Spitzen von den Juden abhängig seien. Im Reichstage werde er verschiedene gewerbliche Mißstände bekämpfen. Das an die saftigeren Pückler-Reden gewöhnte Publikum schien von Ahlwardts Ausführungen ziemlich enttäuscht zu sein —, weshalb Herr Bruhn in Aussicht stellte, daß Ahlwardt künftig dem Judenthum schärfer auf den Leib rücken werde. Dazu nahm Ahlwardt wenige Tage später in einer Tonhallen-Versammlung auch den Anlauf; sein Vortrag „Der Juden Ränke" war wesentlich heftiger, enthielt u. a. auch den von ihm schon früher beliebten zarten Vergleich der Juden mit Raubthieren. Der alte Ahlwardt entpuppte sich noch mehr in der Diskussion, bei welcher er ernste Sachlichkeit empfahl, aber selbst den Ernst durch die für ihn charakteristische Aeußerüng verbannte: „alle sogenannten großen Männer seien es von Israels Gnaden; wäre Dirchow nicht ein Parteigänger der Juden gewesen, so wäre er heute der großen Menge so unbekannt wie Eugen Dühring u. a. m." Ueber die angebliche „Macht des Judenthums in der Gegenwart" zetert neuerdings die antisemitische Presse auch deshalb, weil das Wiener Gericht dem Auslieferungsantrage des Berliner Gerichts in Bezug auf den wegen Beleidigung des Justizraths Cassel zu sechsmonatlicher Gefängniß. strafe verurtheilten Redakteurs Böckler Folge gegeben hat. Daß dabei die „Staatsbürger-Ztg." von einem „neuen Erfolge des jüdischen Denunziantenthums" spricht, ist um so widersinniger, als ihr Herausgeber W. Bruhn sich niemals scheut, bei beleidigenden Angriffen den Schutz der Gerichte anzurufen, und weil erst vor einigen Wochen der Redakteur der „Mittheilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", Kurt Bürger, infolge einer Privatklage Bruhns von dem Schöffengericht wegen Beleidigung zu einem Monat Gefängniß verurtheilt wurde. Der Gerichtshof hielt die in dem Artikel „Antisemitische Zeloten"' enthaltenen Beleidigungen für sehr schwere, und meinte, die ganze Tendenz des Artikels gehe dahin, Herrn Bruhn gewissermaßen als einen Lump hinzustellen. Da die Beweisaufnahme nichts erbracht-habe, was diese Schilderung rechtfertigen könnte, habe der Gerichtshof von einer Geldstrafe Abstand genommen. Die Widerklage wegen mehrerer in dem 'Schriftsätze der Privatklage