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Im deutschen Reich · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. 561

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1902-10-01
Page
561 (sequence 6)
Language
German
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Umschau. 561 Stadtverordnetenvorsteher Justizrath Dr. Lewinsky die Absicht hatte, sich um den dadurch zur Erledigung gelangenden Posten zu bewerben, hat sich als völlig unbegründet erwiesen. Die von judenfeindlicher Seite verbreitete Mitteilung, diese Absicht sei aufgegeben worden, weil von Berlin der private Bescheid in Posen eingetroffen sei, daß eine solche Wahl keine Aussicht hätte, die königliche Bestätigung zu erlangen, wurde unverzüglich von berufener Seite widerlegt. Uebrigens hatte in der Provinz Posen die Stadt Jarotschin 12 Jahre hindurch in dem erst im vorigen Jahre gestorbenen Goldenring unbeanstandet einen jüdischen Bürgermeister, und in der Stadt Posen selbst hat der jüdische Stadtrath Eduard Kaatz längere Zeit hindurch den Oberbürgermeister- Posten interimistisch verwaltet. Beides war freilich in einer Zeit der Fall wo „liberale Männer", die „nach dem Katechismus nicht zu fragen pflegten", noch Einfluß besaßen. Eine Wiederkehr solcher Verhältnisse braucht die „Köln. Volkszeitung" zunächst noch nicht zu fürchten; sie ist undenkbar ohne allseitige Beachtung der Grundlagen des Konstitutionalismus; kein einziger jüdischer Politiker von Bedeutung wird ohne vorherigen Systemwechsel und Herbeiführung wahrhaft verfassungsmäßiger Zustände nur durch seine Anstellung selige Stunden für den Liberalismus anbrechen sehen oder etwa durch bloße Erfüllung der in Rathenaus „Impressionen" angedeuteten mehr als bescheidenen Wünsche eine befriedigende Lösung der Judenfrage erkennen. Diese kann in Deutschland wie anderwärts nur dadurch herbeigeführt werden, daß Regierung und Volk der Wahrheit sich erschließen, die im Namen der Menschlichkeit nicht Gunst oder Vorrechte für einzelne, sondern gleiches Recht für alle Menschen fordert. Für solche Forderungen sind freilich die Männer nicht zugänglich, die sich bisher als die Stützen von Thron und Altar hinstellten, aber sofort mit Abfall drohten, sobald nicht regierungsseitig ihren Sonderintereffen hinreichend Rechnung getragen wurde. Selbst in konservativen Kreisen hat der drohende Ton, den die Vertreter des „Bundes der Landwirthe" anschlugen, ernste Bedenken erregt. Daß verschiedene konservative Blätter sich deshalb gedrungen fühlten, über einen im „Sächsischen Vaterland" veröffentlichten, „Krachende Throne" überschriebenen agrarischen Artikel ernste Mißbilligung kundzugeben, macht den „Deutsch-Sozialen Blättern" Liebermanns von Sonnenberg sehr große Pein. Sein Organ versteigt sich zu der nachstehenden in echt antisemitischer Weise die Dinge auf den Kopf stellenden Aeußerung: „An Majestätsbeleidigung grenzt die von der „auch konservativen" Elbinger Zeitung ausgestellte Behauptung, daß Ihre

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