Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 560 (sequence 5)
- Language
- German
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560 Im deutschen Reich. Vertragsbruch aber doch zur Umgehung jener Punkte der Verfassung treibt, durch welche die Gleichheit aller Staatsbürger gewährleistet wird. In einem scharfen Artikel, welcher die Ueberschrift „Im Namen der Humanität" trug, schrieb die „Breslauer Zeitung": »Wir können es uns sparen, ein Wort darüber zu verlieren, wie weit in Preußen de facto die Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung reicht. Italien hat einen jüdischen Kriegsminister, London einen jüdischen Lord-Mayor. Klingt's nicht für preußische Ohren märchenhaft? Daß es uns märchenhaft klingt, zeugt dafür, daß die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der Staatsbürger bei uns ein Märchen ist. Nicht blos Rumänien mag an seine Brust schlagen: es. giebt noch Andere, die Ursache dazu hätten." Daß man in den maßgebenden Kreisen Berlins bereits beginnt, die grundsätzliche Ausschließung befähigter preußischer Bürger jüdischen Bekenntnisses von fast allen Zweigen der preußischen Verwaltung als etwas zu betrachten, was nicht nur verfassungswidrig, sondern auch eines Kulturstaates unwürdig und für diesen selbst ein nicht zu unterschätzender Verlust ist, scheint festzustehen. Es sind aber bekanntlich nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten; erfahrungsmäßig sind die eingerosteten Ketten eines tausendjährigen Vorurtheils besonders schwer zu brechen. Selbst der „Köln. Volkszeitung", die von allen Organen des Centrums sich bisher als das vorurtheilsfreieste bewährt hat, scheint es ein unleidlicher Gedanke zu sein, daß einmal Juden in Preußen, getauft oder gar ohne den bisher als unerläßlich angesehenen vorherigen Glaubenswechsel, zu einer hervorragenden staatlichen Stellung gelangen könnten. Das ultramontane Blatt ließ sich vor einiger Zeit von seinem Berliner Korrespondenten berichten: „Schon erzählt man sich in liberalen Cirkeln händereibend, es könne möglich sein, daß bald alles kurz und klein geschlagen werde und für die Herren Ballin, Witting und Goldberger bald selige Stunden anbrächen. Daß für ein solches System keine parlamentarische Mehrheit zu haben wäre, weiß man dort auch, allein es ist nicht zu glauben, wie anspruchslos der „liberale Mann" in Bezug auf die Grundlagen des Konstitutionalismus ist, wenn er von deren Nichtbeachtung Vortheil hat." Die „Köln. Volkszeitung" hätte diese völlig unncthige Warnung lieber den Antisemitenblättern überlassen sollen, die mit dem Ammenmärchen von dem jüdischen „kommenden Mann" ihren mehr als anspruchslosen Leserkreis gruseln zu machen pflegen. Der Posener Oberbürgermeister Witting, der übrigens jo wenig wie sein Bruder M. Harden noch zu den Juden zu zählen ist, hat bereits einer Privatanstellung den Vorzug gegeben; die Behauptung, daß der jüdische