Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 559 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau. 559 betonte, daß Deutschland keinen Grund habe, sich an der Lösung der überaus schwierigen Frage hervorragend zu betheiligen, daß aber Rumänien nach dem Eingreifen zweier großer Kulturstaaten gut thun würde, seine auf die Juden bezügliche Gesetzgebung zu verlassen und die Judenfrage von der Tagesordnung verschwinden zu lassen. An den Ernst solcher Ermahnungen glaubt man in Bukarest um so weniger, als man dort aus den Äußerungen der gesammten deutschen konservativen -Presse und dem fönnlichen Wuthgeheul der Antisemitenblätter über die Hay'sche Note entnehmen zu können glaubt, daß die öffentliche Meinung in Deutschland jeder Verhinderung weiterer Judenbedrückungen in Rumänien durchaus abhold sei. Die Rumänen vergessen dabei, . daß dieselben deutschen Blätter, welche jetzt den Amerikanern zur Last legen, daß ihre Intervention nur den Zweck habe, die rumänischen Juden von sich fern zu halten, auch in der Burenfrage vielfach als der Ausdruck der öffentlichen Meinung in Deutschland galten, ohne die deutsche Reichspolitik durch ihr Zetern über die „Engländerei" irgendwie zu beeinflussen. Sie waren es, welche die Buren in den verhängnißvollen Wahn versetzten, daß irgend eine Großmacht unter dem Druck der öffentlichen Meinung doch noch England Einhalt thun werde. Aus dem Leos der dadurch getäuschten Buren sollten die Rumänen die Lehre ziehen, daß die Politik großer Staaten von höheren Gesichtspunkten aus betrieben wird, als von denen, welche in sensationslüsternen oder von Parteiinteressen geleiteten Redaktionen maßgebend zu sein pflegen. Das „Eingreifen zweier großer Kulturstaaten" ist nicht ohne ernsten Grund von offiziöser deutscher Seite den Bojaren gegenüber als ein bedeutsames Moment betont worden. Von deutscher Seite konn'e es nicht unbeachtet bleiben, daß die aus Rassen- und Religicnshaß erfolgende Bedrückung ganzer Bevölkerungsschichten in den Nachbarländern das deutsche Reich in Mitleidenschaft zieht, indem zahlreiche geschäftliche Interessen durch den wirthschaftlichen Ruin der gewerbefleißigsten Bewohnern jener Länder ernstlich beeinträchtigt werden. Dagegen ist die ohnehin sehr erschwerte Einwanderung einzelner mittelloser aber fleißiger und anspruchsloser anständiger Handwerker noch das kleinere Uebel; aber selbst dieses hätte Deutschland längst die Berechtigung gegeben, seinem östlichen Nachbarn gegenüber dieselben Ausführungen zu machen wie Amerika jetzt Numänieu gegenüber. Unter den Kulturstaaten soll und will Deutschland die erste Stelle einnehmen, deshalb wird es bald „lüstern werden, nicht nur ein Wort mit'jenem unmenschlichen Geist zu reden", der in einzelnen östlichen und südöstlichen Staaten Europas Unheil anrichtet, sondern auch mit dem Geiste, der im deutschen Reiche selbst zwar nicht zum