Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Judengemeinden im mittelalterlichen Deutschland
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 547 (sequence 5)
- Language
- German
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Judengemeindcn im mittelalterlichen Deutschland. 547 barkeit über ihre Angehörigen auch einen eigenen Galgen, den sog. „Judengalgen". Wie die mittelalterlichen Großstädte ihre Universitäten oder sonstigen Hochschulen besaßen, so hatten auch die deutschen Judengemeinden des Mittelalters eine Universität in der Gestalt des „Studium generale Judaeorum“ in Regensburg. Später wurde diese „Judenuniversttät" nach Fürth verlegt. So heftig und blutig die Verfolgungen der Juden im 12., 13. und 14. Jahrhundert waren: ihre Gemeinden waren ebenso sehr rechtlich anerkannte Korporationen, wie im alten Römerreich die altchristlichen Totenkasienvereine rechtlich anerkannte Korporationen trotz aller Verfolgungen waren, die von Domitian bis Diokletian über sie hereinbrachen. Die Judengemeinden hatten nicht nur Pflichten, sie hatten auch Rechte; ob der Anspruch auf diese sich in die That umsetzte, das freilich hing nur zu sehr von der Willkür der betreffenden Fürsten oder Städte ab. Die meisten Rechte waren theils unbestimmt, theils geringfügig, theils direkt zum Hohn verliehen. Das letztere war z. B. der Fall mit den Geschenken, die der Erzbischof von Trier alljährlich an den dortigen „Judenbischof" zu geben hatte. Während die „Geschenke" des letzteren an den ersteren sehr reeller Natur waren — bedeutende Quantitäten der im Mittelalter ebenso geschätzten wie theuren Gewürze, namentlich Pfeffer, befanden sich darunter — quali fizierten sich die „Geschenke" des Erzbischofs an den „Judenbischof" als offenbare Verhöhnungen: sie bestanden aus einer alten Kuh und einem abgelegten Mantel.- Wie schon erwähnt, begann sich in der Zeit nach 1100 die Lage der deutschen Juden merklich zu verschlechtern. Noch schärfer trat vom 14. Jahrhundert an diese Verschlechterungstendenz zutage. Erst von dieser Zeit datieren die Anfänge eines eigentlichen Ghettowesens. Daß sä)on vorher die Juden durchweg in besonderen Straßen und Vierteln zusammengeseffen hatten, war durchaus im Einklang mit der allgemeinen Gewohnheit des Mittelalters gewesen, wonach die Genossen der verschiedenen Gewerbe gern auch räumlich bei einander saßen. Daher denn auch die vielen Schmiede-, Färber-, Knochenhauseru. s. w Straßen und Gassen in zahlreichen deutschen Städten, die berühmte Via Calcajoli (Strumpfwirkergaffe) in Florenz u. s. w. Aber was vorher allgemeine Sitte gewesen war, das ward nunmehr drückende Ausnahmepflicht für die Juden: während die fortschreitende Entwicklung die alten Gewerbequartiere auflöste, wurden die Juden in besondere, abgelegene, oftmals durch Thore und Ketten abgesperrte, häufig genug finstere und ungesunde Viertel, kurzum in die Ghettos eingesperrt.