Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Judengemeinden im mittelalterlichen Deutschland
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 548 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2316602-2316689-2316698-2330281--10092-2330347- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
548 Im deutschen Reich. Der Momente waren gar viele, die diese Verschlechterung der allgemeinen Lage der Juden herbeiführten. Der religiöse Fanatismus, angcfacht durch die Kreuzzüge, neu auflodernd in dem großen Sterben des „schwarzen Todes", das gehässige, der Judenschaft von der Kirche direkt ausgezwungene Zinsmonopol, die Engherzigkeit und der Konkurrenzneid der ans Ruder gelangten Zünfte, die des alten demokratischen Enthusiasmus, der sie zum Siege geführt, sich bald entschlagend, ihre neuerworbene Macht zur Unterdrückung der „Unzünftigen", der Juden so gut wie der Proletarier nnd der unterthänigen Bauern mißbrauchten (gegenüber den Juden wie gegenüber den Bauern verfolgten patrizische Stadtregierungen durchweg eine mildere, liberale Politik als zünftig, demokratische!), endlich der reaktionäre Zug, der von 1400 an durch Deutschland wehte und überall die Neigung zu Absonderungen, Absperrungen, Abschließungen zeitigte; alles das wirkte zusammen, um über die Juden die schlimmste Zeit ihrer Geschichte, die Zeit des Ghetto* thums, heraufzuführen. Von 1400 an werden, gleich den großen Zunftaufständen auch die blutigen Judenverfolgungen seltener, ohne freilich darum gänzlich aufzuhören. Die Zeit wurde ruhiger, gesetzter, darum aber nicht milder und menschlicher. Jahrhunderte noch mußten vergehen, ehe sich die Thore des Ghetto öffneten und eine Zeit der Menschenrechte auch für die Juden anbrach