Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Judengemeinden im mittelalterlichen Deutschland
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 544 (sequence 2)
- Language
- German
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544 Im deutschen Reich. meist mit dem Kleinhandel; die jüdische „Großbourgeoisie" (um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen) scheint im alten Rom nur schwach vertreten gewesen zu sein. — Die religiösen Zwistigkeiten auf dem heimischen Boden Judäas fanden in den jüdischen Gemeinden des Abendlandes lebhaften Widerhall; es kam zu wiederholten Tumulten in der römischen Judenschaft; Sueton berichtet vom Kaiser Claudius: Judaeos expulit assiduo tumultuantes auctore quodam Chresto, d. h. „er trieb die Juden aus, die fortwährend auf Veranlassung eines gewissen Chrestus tumultuiertrn". Die Vermuthung hat großen Anspruch auf Wahrscheinlichkeit, daß hier eine Verwechselung Seitens des alten Historikers vorliegt und es sich um Streitigkeiten handelte, die durch das Auftreten Christi hervorgerufen wurden. Geht doch selbst aus Tacitus hervor, daß die Römer über Geschichte, Religion, Verhältnisse, Ereignisse Judäas so schlecht wie möglich unterrichtet waren. Schon in der Römerzeit und im Gefolge der Römer dürften Juden nach Deutschland gekommen sein. Jedenfalls finden wir bereits unter Karl d. Gr. zahlreiche Judengemeinden in den rheinischen Städten, welche die ersten waren, die aus dem Dunkel der Zeiten und dem Chaos der Völkerwanderung wieder hervortauchten. Karl d. Gr., der durchaus auf der Höhe der fteilich noch recht unentwickelten Volkswirthschaft seiner Zeit stand, ließ es sich nach Kräften angelegen sein, den Handel zu fördern: er begünstigte daher durchweg die damaligen Hauptträger des Handels, die seefahrenden Friesen und die Juden; wie er die crftcreu mit mannigfachen Privilegien begnadete, so verstattete er den letzteren den Bau von Synagogen und die Wahl eigener Gemeindebeamten und. zog sie auch zur Bekleidung von Reichsämtern heran, was nicht verfehlte, den Widerspruch fanatischer Geistlicher wachzurufen. Im Laufe des Mittelalters dehnten sich die Judengemeinden über alle größeren Städte Deutschlands aus. Ueberall saßen neben altfreien Grundbesitzern, bischöflichen oder kaiserlichen Dienstmannen oder Ministerialen, halb- oder ganzhörigen Handwerkern u. s. w. auch mehr oder minder kopfstarke Judengemeinden. Bis gegen 1100 war der sociale Unterschied zwischen den Juden und den anderen Stadtbürgern nicht sehr bedeutend; die Juden waren zwar keine vollsreien Leute, aber auch keine Leibeigenen, sondern Hörige, wie viele, um nicht zu sagen die meisten anderen Städtebewohner jener Zeiten. Erst im Laufe der späteren Jahrhunderte verschlechterte sich absolut wie relativ die Lage der Juden. Ganz abgesehen von den blutigen Verfolgungen, die von 1100—1400 bald hier, bald dort über sie her-