Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Antisemitismus und Wissenschaft
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 540 (sequence 4)
- Language
- German
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540 Im deutschen Reich. Daß die Erzählung von der befohlenen Opferung Isaaks den historisch gewaltigen Moment festhält, in dem der erste Protest gegen die bis dahin üblichen Menschenopfer erhoben ward, daß diese Erzählung also eine KulLurthat ersten Ranges darstellt, scheint christlichen Theologen noch immer nicht klar zu sein! Die über den „Kalbfleisch essenden Judengott" witzelnden Antisemiten (nebenbei eine Fälschung, denn nicht Gott, sondern Sendboten Gottes essen das Fleisch) scheinen von dem mit seinen Jüngern essenden und trinkenden auferstandenen Jesus nichts zu wissen. (Luc. 24, 41-43). Während der christliche Dogmatiker Harnack in seinem „Wesendes Christentums" wesentliche christliche Lehren aus Gründen der Logik bestreitet, hat es das Judenthum niemals nöthig gehabt, sich selbst untreu zu werden. Die Juden sind im Stande, das Wesen des Judenthums in 5 Grundsätzen auszusprechen, die jeder Jude als das Wesen des Judenthums bekennt: 1. Das Judenthum ist die einzige dogmenfreie und darum die einzige natürliche Religion (Goethe, Wahrheit und Dichtung IV: „Die allgemeine natürliche Religion bedarf eigentlich keines Glaubens") 2. Das Judenthum vertritt die Lehre des Monotheismus im Gegensatz zur Dreifaltigkeüslehre wie zu jedem Polytheismus. 3. Das Judenthum verwirft die Lehre von der Erbsünde, weil es diese nicht mit seiner Auffassung von Ethik und göttlicher Gerechtigkeit vereinbar hält. 4. Die höchste religiöse Erkenntniß ist in der heiligen Schrift ausgesprochen. Die gesammte moderne Kultur hat nicht einen einzigen lebensfähigen Gedanken geschaffen, der über den Ideengehalt der Bibel hinausreicht. 5. Die Sittenlehre des Judenthums gipfelt in den zwei Sähen: „Seid heilig" (Lev. 19, 2) und „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst". (Lev. 19, 18*). *) Die modernen Versuche, dem Judenthum alle Originalität abzusprechen und es als einen Abklatsch der assynsch'babylonischen Kultur und Religion darzustellen, verdienen eine kurze Erwähnung. Allerdings sind dem letzten Vertreter dieser Anschauung von berufener Seite so schwere Jrrthümer nachgewiesen worden, daß diese neue Auffassung bereits heute als eine über« wundene betrachtet werden darf. Aber selbst, wenn eS wahr wäre, daß Israels Lehre wesentliche Elemente dem babylonischen Polytheismus verdanke — es ist aber nicht wahr — so bleibt Israel doch der Ruhm, den