Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Antisemitismus und Wissenschaft
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 539 (sequence 3)
- Language
- German
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Antisemitismus und Wissenschaft. 539 was der wackere Pfarrer Vogelgcsang (Zeü) in der Zeitschrift „Der Thürmer" (August 1901, IIl. 542) sagt: „Ohne das Alte Testament ist das Neue Testament nicht zu verstehen. Christi Autorität spricht sich für's Alte Testament aus. Letzteres verwerfen, heißt wider Christum sein!" Des schlichten Pfarrers Worte (das. S. 543): „O, möchten doch alle Religionslehrer sich die Mühe geben, die perhorreszierten Geschichten des Alten Testaments in ihrem biblischen Zusammenhang und in ihrer göttlichen Tiefe zu erfassen, so würden sie in ihrem Unterricht auch den großen Segen derselben erfahren und, von der so gefürchteten Verjudung (durch's Alte Testament) ist bis heute keine Spur unter uns Schülern zu finden, sondern wir sind gute, vaterlandsliebende Deutsche geworden, eben mit durch einen guten Religionsunterricht" sollten sich alle antisemitischen Theologen und Religionslehrer zu Herzen nehmen. Der fromme Wunsch des Pfarrers Ehringhaus-Fulda (daselbst S. 548) ist auch an den Berliner Professor Harnack gerichtet: „Die ganze Bildung Jesu und seiner Apostel — woher stammte sie? Lediglich aus dem Alten Testamente! Nun, wenn unsere Kinder durch's Alte Testament so werden wie die oder nur ganz von fern so, dann wollen wir Gott danken, daß er uns neben dem Neuen Testamente auch das Alte erhalten hat." Die Gefahr, welche dem Christenthum durch die dem Alten Testamente feindliche Strömung erwächst, hat der Marinestationspfarrer in Kiel, Christian Rogge, offen eingestanden. Er sagt (Mose und Christus, Stuttgart 1900, S. IX): „Unsere Gemeinden stehen in Gefahr, der Hälfte ihrer Bibel beraubt zu werden und damit völlig das Verständniß für das Wirken Gottes in der Geschichte zu verlieren." Bei der Unkenntniß des Alten Testaments in christlichen Kreisen ist es allerdings kein Wunder mehr, daß wahre Ammenmärchen über den Gott und den Geist des Alten Testaments ungerügt verbreitet werden dürfen! Was für Schmähungen muß sich dieser „rachsüchtige Judengott" von christlichen Lästerern gefallen lassen! Die liebesseligen Angreifer vergessen, daß auch Jesus Gott als den zornigen Richter schildert (z. B. Matth. 18, 34/35) und daß der Apostel Paulus mit feierlichem Ernste vom Zorne Gottes spricht (Römer 1,18). Wenn der „rachsüchtige Gott des Alten Testaments" der Rächer alles Bösen ist, so ist seine strenge Gerechtigkeit die innere Rechtfertigung des Bibelgebotes: „Du sollst nicht rachsüchtig sein (3. Mose 19, 18), denn die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr" (5. Mose 32, 35). Um den Menschen zur Liebe und Duldsamkeit zu erziehen, übernimmt die Gottheit die strafende Gerechtigkeit.