Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Antisemitismus und Wissenschaft
- Date
- 1902-10-01
- Page
- 538 (sequence 2)
- Language
- German
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538 Im deutschen Reich. Harnack eliminiert willkürlich aus dem Christenthmn Anschauungen, die ihm unsympathisch sind. Er streicht die Lehre von der Dreieinigkeit, von der Erbsünde, von der leiblichen Auferstehung Christi und, was übrig bleibt — ist das Judenthum. So bilden die Vorträge Harnacks die glänzendste Rechtfertigung des Judenthums in der Neuzeit. Fügen wir hinzu, daß Theologen wie Julius Kaftan (ordentlicher Profestor der Theologie in Berlin 1896) und Andere die Lehre von der Dreieinigkeit bereits aufgeben, daß der Theologe Ritschl und seine Schule die Erbsünde und die Erlösung durch Jesu Opfertod verwirft, daß der Nationalökonom Emile de Laveleye (Essais et ötudes II 1895, S. 92) es offen ausspricht: „Die Religion der Zukunft ist das auf die reine Jesuslehre zurückgeführte Christenthum, welches mit dem Judenthum identisch ist, wie es die aufgeklärten Rabbiner verstehen" (ich darf verbessern: wie es alle Rabbiner verstehen); nun, dann dürfte man eher von einem Bankrott des dogmatischen Christenthums als, wie dies von den antisemitischen Gelehrten geschieht, von einem Zusammenbruch des Judenthums sprechen.*) Das empfindet keiner tiefer als Harnack — aber anstatt ein begeisterter Bertheidiger des Judenthums zu werden, arbeitet der gelehrte Theologe in bedenklicher Weise den Antisemiten in die Hände. Noch auf Seite 45 seines „Wesen des Christenthums" rühmt er die pharisäische Moral — und auf Seite 66 erzählt er, daß die Pharisäer des Volkes „Seele mordeten". Auf Seite 109 erkennt er die Nothwendigkeit eines religiösen Rituales an, allerdings für das Christenthum; aber auf Seite 33 wettert er gegen den Ritus im Judenthum. Das unbequeme Judenthum wird einfach von ihm ignoriert und dafür von einer „Vorgeschichte des Christenthums" gesprochen (Harnack, die Aufgabe der theologischen Fakultäten, S. 12). Wo bleibt Da die objektive Gerechtigkeit? Das Alte Testament, das Harnack recht gut kennt, wird von ihm als „ein inferiores Element" bezeichnet. Er vergißt, daß er auf S. 116/117 noch eine begeisterte Lobrede auf dasselbe Alte Testament gehalten hat. Diese Antipathie gegen das Alte Testament, welche Harnack mit allen Berufsantisemiten theilt, ist gewiß nicht christlich. Christus selbst sagt Joh. 5,39: „Suchet in der'Schrift" und versteht unter „Schrift" selbstverständlich allein das von den Antisemiten als unsittlich u. s. w. verschrieene Alte Testament. Ich möchte neben diesen Worten Christi dem Professor Harnack ins Stammbuch schreiben, ♦) Siehe die vortrefflichen Nachweise .in N. Samier, „Was thun?" Verlag von Th. Schatzky, Breslau, 1900.