Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Impressionen [Rezension]
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 531 (sequence 5)
- Language
- German
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Bücherschau. 531 Kreisen sich bewegen, als man nach seiner Schrift annehmen muß, so würde er sich überzeugen können, daß Officiere, wenn sie unter sich sind, keinerlei Bedenken tragen einen Scherz, den etwa der „Simplicissimus" auf Kosten schneidiger Leutnants macht, wiederzugeben und zu belachen. Er würde ebenso wiffen, daß Studenten, wenn sie unter sich sind, anstandslos Scherze über trunkene Studenten, die sie in den „Fliegenden Blättern" etwa gelesen haben, erzählen und an solchen Scherzen Vergnügen finden. Freilich aber, und hier erkennt wieder Herr Rathenau nicht, worauf esankommt, werden das gebildete Leute nur thun, wenn sie unter sich sind. Deshalb werden Juden, die solche Scherze, von Andersgläubigen oder gar von Antisemiten erzählt, als einen Schimpf empfinden, unter einander ruhig darüber lachen können. Deshalb wird aber auch kein Jude und kein gebildeter Mensch in dem Augenblick, wo der Feind vor den Thoren steht, den Seinigen Kapuziner-Predigten halten und diese dem Feinde gedruckt überreichen. Hierfür fehlt Herrn Rathenau anscheinend jedes Empfinden! Auch an den Stellen, an welchen er dazu übergebt, die körperliche Erscheinung seiner Glaubensgenoffen zu schildern, erkennt man, daß er entweder garnicht zu sehen vermag (und deshalb wahrlich kein Recht hat, seine Eindrücke Anderen aufdrängen zu wollen) oder daß er in einer Umgebung lebt, die von der Norm weit entfernt ist. In jedem Falle greift die Schilderung fehl und kann (und soll wohl auch) Interesse nur dadurch erwecken, daß Mancher an paradoxen - und unwahren Schilderungen Gefallen findet. Was für Juden hat Herr Rathenau kennen gelernt, welche Umgangssprache ist in seinen Kreisen üblich! Haben seine Freunde wirklich Redensarten an sich, wie: „Ich für meine Person", „meiner Ansicht nach", „Kunststück", „Kleinigkeit!" „Zustand!"? Haben Herr Rathenau und seine Genossen es an sich, in der Unterhaltung mit der Anrede „sehr geehrter Herr!" und der Frage „verstehen Se mich?" um sich zu werfen? Sind die Juden, die er kennt, entweder von „wedelnder Unterwürfigkeit" oder von „schnöder Arroganz"? Ist es in den Kreisen des Herrn Rathenau üblich, Leute zu Tische zu laden, die, wenn man sie auf der Straße trifft, ihre Gastgeber nicht sehen wollen? Herr Walter Rathenau ist selbst so kurzsichtig, daß er nicht einmal einsieht, wie schwerwiegend der Vorwurf ist, den er hiermit gleichzeitig jenen christlichen Gästen macht, die sich zu Leuten, deren Bekanntschaft sie auf der Straße leugnen möchten, doch ruhig zu Tische einladen lassen! Wir glauben, daß diese Blüthenlefe Rathenau'fcher Beobach-