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Im deutschen Reich · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. 508

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Berlin
Date
1902-09-01
Page
508 (sequence 2)
Language
German
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503 Im deutschen Reich. Studentenschaft wohl das Moment geltend machen dürfen, daß der Geldpreis auf ihn nicht die gleiche anstachelnde Wirkung ausgeübt hat, wie auf die jüdischen Kommilitonen. Jedenfalls möchten wir das auffallende Ergebniß weder der höheren wiffenschaftlichen Befähigung der Juden, noch auch lediglich ihrer größeren Arbeitsamkeit zu Gute schreiben." An den näherliegenden Grund, daß der Ausschluß von dem anspruchsvollen, zeitraubenden Verkehr der schneidigsten studentischen Vereinigungen den jüdischen Studenten mehr Muhe und eine besser geeignete Stimmung für ernste Studien gestattet, scheint Di-. Lange nicht gedacht zu haben! Dem am 5. September im 81. Lebensjahre an den Folgen eines Unfalls dahingeschiedeuen berühmten Gelehrten, Geh. Mcdizinalrath Prof. Dr. Virchow widmen alle bedeutenden Blätter des In- und Auslandes längere Nachrufe, in denen die unvergeßlichen Verdienste des großen Gelehrten dankbare und begeisterte Würdigung finden. Der „Reichsanzeiger" rühmt dem Verstorbenen nach: „An Besonnenheit und kritischem Scharfblick ein unvergleichlicher Forscher, unablässig thätig bis in die neueste Zeit, entfaltete er, dem die Wissenschaft vom Leben so viel verdankt, in seinem immer gleichen, der Arbeit gewidmeten Handeln zugleich die echte Lebenskunst." Selbst an der Leiche dieses von der ganzen gebildeten Welt bewunderten Mannes verleugnet die antisemitische Presse nicht ihre herostratische Natur, ihr Thersites-Wesen. Die „Deutsche Wacht" erniedrigt sich selbst durch folgende, jeden Funken von Pietät verleugnende Zeilen: „Freitag Nachmittag ist Professor Virchow gestorben. Neben seiner bedeutsamen, wenn auch oft umstrittenen Thätigkeit auf wissenschaftlichem Gebiete hat Professor Virchow auch am politischen Parteikampf sich betheiligk. Er war Mitbegründer der Fortschrittspartei und die „Freisinnige Zeitung" feiert ihn als den „Stolz der Partei". Dem Deutschen Reichstage gehörte er von 1880 bis 1893 an. Für seine „hochpolitischen" Auslassungen werden nur die allerengsten Parteigänger Vcrständniß haben. Sein Kampf gegen Bismarck endete so kläglich, daß wir darüber, wie über seinen Philosemitismus, angesichts des Todes lieber schweigen wollen." Dieser Ausdruck unversöhnlichen Hasses wird erklärlich durch die tiefe Verachtung, mit der Virchow, der durch keine besondere Vorliebe für die Juden die Be- Zeichnung eines Philosemiten verdiente, aus den Mysticismus und das kulturwidrige Treiben der Antisemiten herabsah. Darüber berichtet die „Voss. Ztg.": Rudolf Virchow hielt 1893 eine Rektoratsrede, in der er die Herrschaft unklarer Geistesrichtungen in der Gegenwart, die einen Rückschlag. gegen die naturwissenschaftliche Richtung

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