Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 498 (sequence 7)
- Language
- German
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498 Im deutschen Reich. hat, eine Wendung herbeizuführen. Seine neuerlichen Versuche, für die „deutsch-soziale Partei" im Königreich Sachsen zu werben, wo bisher Zimmermanns „deutsch-soziale Reformpartei^ dominierte, sind jedenfalls vorzüglich geeignet, den Zersetzungsprozeß zu beschleunigen. Auf dem 8. Parteitage der „Reformpartei" in Eisenach zeigte sich deshalb am 14. und 15. September das Bestreben zu einer Verständigung mit der Partei Liebermann. Zimmermann selbst empfahl dringend, mit den anderen antisemitischen Fraktionen Frieden zu halten, aber den Radau- Antisemitismus abzulehnen. Insbesondere erklärte er, ohne daß der anwesende Herausgeber Wilh. Bruhn dagegen protestierte, daß seinePartei jede V erantwortlichkeit für den Grafen Pückler ablehne, der nicht ihr Mitglied sei. Der Abg. L. Werner der das letzte Pücklerblatt verantwortlich unterzeichnet hat, entgegnete dem Berliner antisemitischen Gastwirth Fritz Sommer, der von den Abgeordneten eine schärfere Betonung der Judenfrage verlangte, daß. man die Wichtigkeit der wirtschaftlichen Fragen nicht unterschätzen solle. Von der gedrückten Stimmung der Anwesenden zeugte auch die Zustimmung, welche Zimmermanns Ausspruch fand, „daß das Judenthum noch niemals eine so nachgebende Rotte in Deutschland wie jetzt gespielt habe. Von oben habe der Antisemitismus auf keine Hilfe zu rechnen." Er scheint aber auch unten an Boden zu verlieren. In einem Artikel „Die politische Entwickelung des Bauernstandes," den Erwin Gros in der „Zeit" veröffentlicht, wird angeführt, wie die seiner Zeit besonders von vr. Böckel erregte Erwartung, daß sich die antisemitische Partei zu einer Bauernpartei auswachsen werde, w'cht erfüllt hat, weil der Landmann einsehen lernte, daß das Hephep-Rufen der antisemnischen Führer seine Lage keineswegs verbesserte, vr. Böckel und Liebermann hätten sich daun bemüht, den „Bund der Landwirthe," das Erbe des Antisemitismus antreten zu lassen, aber auch der Tag sei nicht mehr fern, an dem der „Bund der Landwirthe abwirthschaften und der deutsche Bauer begreifen werde, daß der Großgrundbesitzer seine Natur nicht ändern und der Freund und Beschützer der Bauernintereffen sein könne." Erkennt aber der deutsche Bauer erst, daß auch seine Wohlfahrt au das Blühen von Handel und Industrie gebunden ist, dann ist kein Raum mehr für die Agitation der bei dem „Bund der Landwirthe" Unterkunft suchenden Antisemiten. Aber auch weite gewerbliche städtische Kreise beginnen sich jetzt von den Antisemiten abzuwenden, die sich als Beschützer des Mittelstandes aufgespielt und schwungvolle Reden über Sozialreform gehalten, in der kritischsten Zeit jedoch alle Hebel in Bewegung gesetzt haben, um den Agrariern ein weiteres Hinaufschrauben der Preise der nöthigsten Lebensmittel zu