Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 497 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau. 497 Rezept zur Behandlung revolutionärer Erscheinungen in Rußland: „So oft ein Attentat im Interesse der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" verübt wird, cerniere man irgend eine Judenstadt und schieße in dieser Stadt alles zusammen, was jüdisch ist. Nicht nur Rußland, die ganze Welt würde daran profitieren, und die ganze Welt wird dem Czaren, der dies versuchte, zum ewigen Dank verpflichtet sein." Dies Recept aus der Schule des Dr. Eisenbart dürste selbst Herrn Pobcdonoszew als starkes Gift erscheinen. Von der JnternationaliLät des Antisemitismus gab auch der Nachruf Zeugniß, den die „Staatbürger - Zeitung" dem am l. August auf dem Kirchhofe zu Friedrichsfelde bestatteten französischen Schriftsteller, Professor Francois Trocase widmete. Darin wurde berichtet, Trocase sei in Wien als Franzose Anhänger der deutschnationalen Partei und Bahnbrecher für die antijemilische Sache gewesen, habe dann in Paris das Buch juivea, „Das verjudete Oesterreich" erscheinen lassen, und ihm sei es zuzuschreiben, daß „die antisemitische Bewegung in Wien sich zu einer Bedeutung emporgerungen hat, die das Judenthum vor ihr erzittern läßt." Diesen internationalen Antisemiten nennt das Berliner Antisemitcnblatt einen „Tacitus"; es rühmt ihm nach, daß er, obwohl Franzose, doch mit den deutschen Judenfeinden sich verbrüderte. Er sei in Berlin unerwartet gestorben und die „Beerdigung auf ihre Kosten habe die Stadt übernehmen müssen, die in seiner Heimath nicht so schlicht stattgefunden hätte." Warum die Berliner Antisemiten nicht ihrem französischem „Tacitus" aus den Mitteln ihrer Parteikaffe eine würdigere Bestattung verschafften, statt der nichtantisemitischen Stadt die Sorge für dieselbe zu überlaffen, ist freilich nicht recht verständlich. Ueber den Stand der sogenannten „Berliner Bewegung" äußerte sich der Hofprediger a. D. A. Stöcker in seinem aus den Bergen Bayerns an seine Parteifreunde gerichteten diesjährigen Sedanbriefe: „Leider ist durch Ereigniffe, die hier jedermann unbegreiflich sind, die christlich-sociale und die daran anknüpfende Berliner Bewegung gestört. Nur im Siegerland und einigen benachbarten Kreisen Westfalens und Hessens ist es uns gelungen, festen Fuß zu fasten. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, daß die von uns gestreute Aussaat noch einmal ihre Ernte bringen wild." Dazu bemerkt aber der weltkluge alte Führer der deutsch-sozialen Partei, Liebermann von Sonnenberg, treffend: „Diese Hoffnung können wir leider für Berlin in absehbarer Zeit nicht hegen.". Liebermann ist schon deshalb in der Lage, den Stand der Dinge richtiger zu beurtheilen, well er selbst mit dazu beigetragen