Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Antisemitische Typen
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 487 (sequence 7)
- Language
- German
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Antisemitische Typen. 487 verstanden, ihre Principale über ihre Gesinnung zu täuschen. Leute dieses Schlages glauben wohl auch, wenn sie etwa mit Juden befreundet sind, über jeden Verdacht erhaben zu sein. Sie rechnen darauf, daß ihr Verhalten nicht mit gewöhnlichem Maßstabe gemessen wird, daß ihre jüdischen Freunde selbst sie gegen jeden Vorwurf in Schutz nehmen werden. Allerdings, so lange wir bei ihnen nur Lauheit in antisemitischen Dingen, Zurückhaltung bei Erörterung antisemitischer Angelegenheiten, und Schweigenbemerkcn, wenn wir von ihnen eine unzweideutige Aeußerung ihrer gegentheiligen Ansicht erwartet hätten, mögen zwar Zweifel an ihrer Gesinnung in uns auftauchem allein wir schrecken davor zurück, einen Verdacht zu äußern. Wenn sie sich aber nicht mehr scheuen, mit Leuten freundschaftlich zu verkehren, die durch ihr Auftreten oder ihre journalistische Thätigkeit ihre judenfeindliche Gesinnung öffentlich bloßgelegt haben, wenn sie für diese Leute eintreten, indem sie deren antisemitische Gesinnung in Abrede stellen, wenn sie antisemitische Zeitungsartikel billigen (dabei wiederum deren antisemitischen Charakter leugnend), wenn sie antisemitische Zeitungen als ihre Tageslektüre halten, wenn sie sich von judenfreundlichen Kreisen trennen, um sich solchen anzuschließen, die Juden principiell zurückweisen, wenn sie sich wohl gar zu der Behauptung versteigen, es gäbe überhaupt keinen Antisemitismus, so müßte man doch mit Blindheit geschlagen sein, um noch an ihre Aufrichtigkeit zu glauben. Welchen Werth hat dann noch die Entrüstung, mit der sie sich gegen den Vorwurf antisemitischer Gesinnung verwahren? Besonders die Behauptung, es gäbe keinen Antisemitismus, ist so paradox und schlägt den offenkundigen Thatsachen so sehr ins Gesicht, daß man sie wohl stets als ein sicheres Kennzeichen antisemitischer Gesinnung ansehen darf. Unsere wahren Freunde haben keinen Grund, das Vorhandensein des Antisemitismus in Abrede zu stellen; sie werden ihn vielmehr beklagen und, soviel in ihren Kräften steht, dagegen kämpfen. Wie wir uns gegen Leute der obengeschilderten Art zu verhalten haben, kann nicht zweifelhaft sein. Ihr Verhalten ist natürlich aus einem anderen Gesichtspunkte zu beurtheilen wie das derjenigen Antisemiten, die kein Hehl aus ihren Anschauungen machen. Sie haben unser Vertrauen getäuscht; sie haben die übernommenen vertragsmäßigen oder moralischen Verpflichtungen verletzt; sie haben nicht den Muth der Aufrichtigkeit und legen sich doch keinen Zwang auf, wenn sie vor der Alternative stehen, ihren Neigungen zu folgen oder die ihrer amtlichen Stellung, ihren amtlichen oder persönlichen Beziehungen angemeffene Rücksicht zu nehmen. Die Selbstachtung gebietet uns,