Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Antisemitische Typen
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 486 (sequence 6)
- Language
- German
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486 Im Deutschen Reich. solche Stellungnahme opportun erscheinen kann. Man denke nur z. B. an Privatbeamte, die in einem Abhängigkeitsverhältnisse von Juden stehen, oder an solche Leute, die ohne direct abhängig zu sein, doch eine Schädigung ihrer materiellen oder sonstigen Interessen von einem Eingeständnis antisemilischer Gesinnung oder einer offenen Stellungnahme gegen die Juden zu befürchten hätten, oder an solche, welche in Beziehungen zu Juden stehen, die ihnen moralische Pflichten auferlegen. Man braucht nicht einmal anzunchmen, daß sie zur Zeit der Anknüpfung solcher Beziehungen eine Gesinnung geheuchelt hätten, die ihnen fremd war, sondern daß eine allmähliche Sinnesänderung bei ihnen eingetreten ist. Sie können so tatsächlich in eine schwierige Lage gekommen sein. Vielleicht stehen sie in freundschaftlichem Verkehr mit einzelnen Juden, empfinden möglicherweise sogar aufrichtige Freundschaft für diesen oder jenen. Vielleicht haben fie eine Stellung inne, die ihnen nur in der Voraussetzung einer gegen die Juden völlig vorurthcilslosen Gesinnung übertragen worden ist. Und doch haben sie es unterlassen, sich zu wappnen gegen das antisemitische Gift. Es ist in sie eingedrungen, ohne daß sie bei den ersten Symptomen der Vergiftung ernstliche Versuche gemacht hätten, sich davon zu befreien und sich dagegen zu festigen. Jetzt ist die Krankheit so weit vorgeschritten, daß eine Hestung sehr schwierig ist und jedenfalls lange Zeit erfordern würde. Wie sollen sie sich nun verhalten? Charaktervolle Menschen werden aus ihrer Sinnesänderung kein Hehl machen und die Consequenzen tragen oder selbst ziehen. Andere, die nicht die Kraft haben zu einem offenen Bruch, sei es weil sie eine Schädigung ihrer Interessen fürchten oder davor zurückschrecken, ihre bisherigen Freunde zu verletzen oder zu kränken, werden in einer solchen Lage ihre wahre Gesinnung sorgfältig verbergen. Sie werden nun wenigstens die Verpflichtung fühlen, durch ihr Verhalten niemals, weder durch Worte noch durch Thaten, ihre Sinnesänderung erkennen zu lasten. Sie werden sich doppelt hüten, irgend welchen Anstoß zu erregen. Und das wäre doch auch das mindeste, was man von ihnen verlangen kann. Man sollte glauben,, ein mittleres gäbe es nicht. Und doch kommt es vor, daß Leute in dieser Lage zwar nicht den Muth haben, ihre Gesinnung offen zu bekennen, aber trotzdem ihr Verhalten nicht dementsprechend einrichten. Es sei hier beispielsweise nur an die in letzter Zeit im Organ des Centralvereins besprochenen Fälle erinnert, daß Angestellte in jüdischen Geschäften sich nicht scheuten, dem deutschnationalen Handlungsgehilfenverbande bcizutreten, demselben antisemitischen Zwecken dienende Berichte einzureichen, und es trotzdem