Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Antisemitische Typen
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 488 (sequence 8)
- Language
- German
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488 3m deutschen Reich. Zwischen solchen Leuten und uns eine Scheidewand auszurichten. Dürfen langjährige Beziehungen uns blind machen gegen ein solches Verhalten? Dürfen wir uns auf den Standpunkt stellen: „Wenn er mir gegenüber sich nicht geändert hat, will ich nicht Richter sein über sein sonstiges Thun?" Dürfen Furcht vor Aufsehen und Aufregungen oder vor persönlichem Schaden unser Verhalten beeinflussen? Oder dürfen wir aus Indolenz, aus Hang zur Bequemlichkeit schweigen und tlutn, als ob nichts geschehen wäre? Ich glaube, das Schlimmste was wir thun können, ist schweigen und ignorieren. Würde dadurch nicht die Meinung hervorgerufen, daß wir in solchem Verhalten nichts Tadelnswerthes oder Auffälliges fänden? Wenn es gebildete Kreise gäbe, die für das Verletzende solcher Handlungsweise keine Empfindung hätten, so wäre es doch wohl unsre Aufgabe, ihr Gefühl dafür zu wecken und nicht in ihnen den Glauben zu fördern, daß selbst von unserem Standpunkte aus dagegen nichts einzuwenden wäre. Dürfen wir uns sonst wundern, wenn das böse Beispiel andere zur Nachahmung anreizt, wenn man uns allgemein als guLntite ve§Ii§6Ldl6 behandelt, die Rücksicht aus uns als etwas Ucberflüsfiges, unsre Zurücksetzung als etwas Selbstverständliches und Natürliches ansieht, wenn man meint, wir beanspruchen nichts Besseres? Bleiben wir stumm und unthätig, so geben wir damit uns selbst auf, und der Antisemitismus wird immer schamloser sein Haupt erheben. Und die Achtung vor uns würde ein solches kurzsichtiges Verhalten bei Leuten von vornehmer Gesinnung gewiß nicht erhöhen. Es wäre Selbstmord. Möchte doch die Erkenntnis immer allgemeiner werden, daß für uns Juden noch mehr als für andere Menschen leben — kämpfen bedeutet und daß es in unsrem Dertheidigungskampfe gegen den Antisemitismus nichts Gefährlicheres und Entwürdigenderes giebt, als ein Verschließen der Augen gegen offenbare Thatsaä'en, als ein stilles Dulden und ruhiges Gehenlaffen, ein Verzicht auf Selbstvertheidigung und Selbsthilfe. □