Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Antisemitische Typen
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 485 (sequence 5)
- Language
- German
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Antisemitische Typen. 485 Wie haben wir unser Verhalten diesen gegenüber ernzurichten? Ihr Entgegenkemmcn zurückzuweisen, wäre ebenso ungerecht wie thöricht. Sie unterscheiden sich immerhin vorteilhaft von den principiellen Judenfeinden und bezeichnen einen Fortschritt gegen diese da sie doch wenigstens den guten Willen bekunden, sich von dem all-' gemeinen Vorurlhcil frei zu machen. Das können und müssen wir anerkennnen. Aber mit um so größererer Entschiedenheit müssen wir gerade ihnen gegenüber, die für eine sachgemäße Erörterung der Frage empfänglich sein werden, so oft die Gelegenheit sich dazu bietet, unsern grundsätzlichen Standpunkt unzweideutig zu erkennen geben, und ihnen klar zu machen suchen, daß ihre schlechte Meinung von den Juden als Gesammtheit eine auf Vorurtheilen beruhende und ungerechtfertigte ist. Wir müssen cs zurückweisen, daß wir als eine besondere Auszeichnung oder Gnade das annehmen, was wir als unser Menschenrecht beanspruchen dürfen. Wir müssen verlangen, daß nicht unsere Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft einen Unterschied begründet, den nur geringere Bildung oder geringere moralische Qualitäten rechtfertigen könnten, daß wir nur als Menschen, nicht als Juden betrachtet und beurtheilt werden. So lange wir dies nicht unbedingt fordern, geben wir uns selber auf und fördern wir selber den Glauben an die Berechtigung des allgemeinen Vorurtheils. Von den bisher geschilderten antisemitischen Typen, deren Vertreter jämmtlich aus ihren Anschauungen und Empfindungen den Juden gegenüber kein Hehl machen oder doch wenigstens, soweit sie darüber schweigen, nicht den Anschein vom Gezentheil zu erwecken suchen, unterscheiden sich wesentlich diejenigen Antisemiten, die ihre gleichen oder ähnlichen Empfindungen zu verbergen oder abzuleugnen suchen und sich als unsere vollständig vorurtheilslosen Freunde geberden. Es sei ferne von mir, etwa Mißtrauen säen zu wollen gegen unsere wirklichen Freunde. Diejenigen, die durch ihr Verhalten direct oder indircct zu erkennen geben, daß sie sich von jedem Vorurtheil gegen die Juden frei fühlen, haben Anspruch auf unser Vertrauen; gehört doch heutzutage leider ein gewisser moralischer Muth dazu, e»ne judenfreundliche Gesinnung offen zu bekennen. Aber eine Schilderung der hauptsächlichsten antisemitischen Typen darf doch auch die falschen Freunde nicht übergehen. Mancher, dessen Erfahrungen sich nicht auf diesen Typ erstrecken, möchte fragen: Wie sollte in unserer Zeit jemand dazu kommen, judenfreundliche Gesinnungen zu heucheln? Im Allgemeinen liegt dazu allerdings kein Anlaß vor. Aber es giebt doch Fälle genug, wo eine