Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Antisemitische Typen
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 484 (sequence 4)
- Language
- German
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484 gm deutschen Reich. von ihnen ab, sobald sie ihre geschäftlichen Ziele erkannt haben. So ist diese Form des Antisemitismus bei den urtheilsfähigen Kreisen bald in Mißkredit gcrathen. Die Führer dienen als abschreckende Beispiele, mit denen man sich schämt, gemeinsame Sache zu machen. Trotzdem ist der Schaden, den sie anrichten. nicht zu unterschätzen. Auf die urtheilslose Menge, die von ihnen bearbeitet wird, üben sie eine demagogische Wirkung aus, die fortdauert, auch wenn sie selber ihrem Schicksal verfallen sind. Ihre aufmerksame Ueberwachung und Bekämpfung, eine sachgemäße Widerlegung ihrer absurden oder wahrheitswidrigen Behauptungen ist daher durchaus nothwendig, und es ist als ein großer Fortschritt zu begrüßen, daß durch den Centralverein eine Stelle geschaffen ist, die diese Bekämpfung ein für allemal in die Hand genommen hat und nach einheitlichen Grundsätzen energisch durchführt. Den Berufsantisemiten am nächsten stehen diejenigen, die den politischen Kampf gegen die Juden zwar nickt als Einkommensquelle benutzen, aber doch im Princip billigen und gelegentlich auch öffentlich unterstützen. Sie scheuen sich wohl, direct die Aushebung der Judenemaucipation zu fordern, suchen aber die praktische Durchführung derselben zu verhindern. In gesellschaftlicher Hinsicht schließen sic die Juden principiell oder thatjächlich aus ihren Kreisen aus. Ein tief eingewurzeltes Vorurtheil, von dem sie sich nicht freimachen können oder wollen, laßt sie in den Juden nur Menschen untergeordneter Art erblicken, mit denen man nicht auf gleicher Stufe verkehren könne. Zu diesen Anschauungen bekennt sich leider ein großer Procenljatz der einflußreichen, gebildeten Kreise, und sie sind es, unter deren Verhalten wir am schwersten zu leiden haben. Hier liegt es jedem einzelnen, der mit diesen Kreisen in Berührung kommt, ob, durch ein würdiges Verhallen zu einer allmählichen Abschwächung und Ausrottung des Dorurtheils nach besten Kräften beizutragen. Den eben geschilderten principiellen Antisemiten rciht sich ein dritter Haupttpp an, dessen Vertreter — wir könnten sie die wohlwollenden Antisemiten nennen — den Juden die bürgerliche, politische und wohl auch gesellschaftliche Gleichberechtigung im Princip zugestehen und dies Princip auch in einzelnen Fällen bethätigen. Ihre abweisende Haltung erstreckt sich nicht auf jeden Juden, aber ihr Vorurtheil gegen die Juden als Gesammtheit ist noch nicht geschwunden, und sie vertreten daher den Standpunkt: „Nur nicht zu viele Juden!" Sie pflegen sich gegen die Bezeichnung „Antisemit" zu verwahren, rechnen sich vielmehr ihr Entgegenkommen als Verdienst an, das von den Juden dankbar anerkannt werde müsse.