Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Antisemitische Typen
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 483 (sequence 3)
- Language
- German
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Antisemitische Typen. 483 Haupttypen zu kennzeichnen. Wenn auch in Wirklichkeit solche Haupttypen vielfach ineinander übergehen und sich vermischen, so werden doch die Grundzüge derselben stets mehr oder weniger hervortreten und als Anhaltspunkt dienen können. Es läge nahe, eine Sonderung nach den Motiven des Antisemitismus vorzunehmen, die bekanntlich sehr verschiedener Art sind. Ob religiöser Fanatismus oder Rassenhaß, ob Rachsucht, Neid oder Eigennutz, persönliche Interessen materieller oder anderer Art oder auch wirkliche Ucberzeugung von der Minderwertigkeit der Juden die Beweggründe antisemitischer Gesinnung und Bethätigung bilden, wird sehr wesentlich sein bei der Frage nach dem Wie der Abwehr. Bei der Frage nach dem Wann, die uns hier beschäftigen soll, wird indeß eine Sonderung nach den ausgesprochenen oder verborgenen Zielen des Antisemitismus und nach dem Verhalten, durch das er in die Erscheinung tritt, zweckmäßiger sein, weil die meisten über ihre Motive sich selber nicht klar sind, bei anderen sich mehrere Motive vereinigen .So wollenwir zunächst unterscheiden zwischen dem Antisemitismus, der offen auftritt, und dem, der sich zu verstecken sucht In der ersten Gruppe stehen obenan dieBerufsantisemiten. Sie sehen ihren Beruf darin, den Antisemitismus zu verbreiten und gegen die Juden zu Hetzen. Unter ihnen haben die sogenannten Radauantiiemiten mehr pathologisches oder humoristisches Jntereste. Sie amüsieren ihre Zuhörer in den Volksversammlungen durch die Aufforderung, mit dem Dreschflegel dreinzuschlagen, um die Juden auszurotten oder aus dem Lande zu jagen. An sie reiht sich der politische Partei-Antisemitismus, der durch Mittel der Gesetzgebung die Juden aus dem Lande treiben, ihre Einwanderung verhindern oder wenigstens ihre bürgerliche und politische Gleichstellung auch vor dem Gesetze rückgängig machen will. Daß auch diese Gruppe in ihren agitatorischen Mitteln durchaus nicht wählerisch ist, ist allgemein bekannt. Der Antisemitismus ist ihr Geschäft, das sie ernähren muß, und so verwenden sie ihre rednerischen und schriftstellerischen Talente im Dienst der antisemitischen Partei zu ihrem Lebensunterhalt. Sie schreiben für die judenfeindlichen Blätter, durchziehen das Land und halten gegen feste Eintrittspreise bald hier, bald dort ihre gewissenlosen Hetzreden. Die Hauptjchreier unter ihnen haben sich alle sehr schnell abgewirthschastet. Wenn sie nicht der Lächerlichkeit oder dem Zuchthaus verfallen sind, hat der Brotneid Zwietracht unter ihnen gestiftet, und sie bieten uns das komische Schauspiel, daß sie sich in ihrer Presse oder persönlich in öffentlichen Volksversammlungen in erbitterten Fehden bekämpfen und so gegenseitig aufreiben. Die Massen fallen