Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Antisemitismus und Wissenschaft
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 479 (sequence 7)
- Language
- German
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Antisemitismus und Wissenschaft. 479 Mühe gelungen ist, alle wirklichen Kernsähe Christi im Judenthum und zwar in den ältesten Bestandtheilen seiner Haggadaliteratur nachzuweisen — und der Aerger verführt die Herren zu der kühnen Behauptung, daß Jesu Originalität darin besteht, daß er aus dem chaotischen Wust der talmudischen Literatur das Edle und Ewige herausgefunden hat. Diese Behauptung ist eine einfache Umkehrung der logischen Thatsachen. Die ethischen Grundsätze Jesu sind nicht von ihm aus dem Talmud heraus gearbeitet worden. Der Talmud als solcher bestand ja damals noch gar nicht. Sie sind vielmehr die Grundlage und die sittliche Voraussetzung der talmudischen Weltanschauung. Daß in einem religiösen Rechtskodex wie der Talmud alle Fragen des bürgerlichen und des religiösen Lebens behandelt werden, ist einfach selbstverständlich. Wenn dabei einzelne sittliche Grundsätze besonders erwähnt werden, so sind das Zufälligkeiten. Denn diese Grundsätze bilden an und für sich, auch ungenannt und unerwähnt, die sittlichen Voraussetzungen des ganzen Werkes. Nicht Jesus hat diese ethischen Prinzipien aus dem Talmud herausgearbeitet, sondern er fand sie in seinem Volke als unbezweifelte Grundprinzipien vor. Das ist die logische Thatsache, welche nur antisemitische oder christlichdogmatische Verblendung übersehen kann. Ich gehe aber noch weiter. Selbst wenn kein Wort von Liebe und Tugend im ganzen Talmud stände, so bleibt das Judenthum doch in Wahrheit die Religion der Liebe. Nicht Phrasen und Bücher machen eine Religion. Die Thatsache der jüdischen Nächstenliebe gegen jedermann beweist mehr als der Nachweis von tausend christlichen Büchern über die Nächstenliebe. Allein unser Versöhnungstag mit seiner Summe sittlicher Kraft ist der beste Beweis für die unerreichte Höhe israelitischer Religion. Das Christenthum hat einen nur durch das Blut Jesu versöhnten Gott; das Judenthum predigt einen Gott, der allein aus Liebe versöhnt und verzeiht. Das Christenthum hat das Dogma der Erbsünde; das Judenthum predigt: Väter sollen nicht sterben um ihrer Kinder willen und Kinder nicht um der Väter Sünden willen. Das Judenthum betet: Wo ist ein Gott wie Du, der Sünde vergiebt und Missethat erläßt, der seinen Zorn nicht ewig währen läßt? Er hat Gefallen an Gnade, er wird sich unsrer erbarmen (Micha 7, 18). Das Judenthum ist die Lehre der höchsten Gerechtigkeit, die mit der höchsten Liebe identisch ist. lVergl. Hiob 34. 10-12, Ezechiel 33. 14—16.) Die Wahrheit ist: Die neutestamentliche Wissenschaft müht sich vergebens, einen Gegensatz Jesu zum Judenthum zu konstruieren, weil