Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Antisemitismus und Wissenschaft
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 478 (sequence 6)
- Language
- German
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478 Im deutschen Reich. Daß Jesus Christus ein Jude gewesen ist, ist natürlich die beste Widerlegung des gesammten Antisemitismus. Da kamen die geistreichen Antisemiten auf den prachtvollen Gedanken, Jesum zu einem Arier, zu einem Jndogermanen zu machen. Der jüngste Vertreter dieser wundersamen Anschauung ist Chamberlain in seinen schon genannten „Grundlagen des 19. Jahrhunderts". Zwar gesteht er Seite 48 ein: „nur der oberflächlichste Parteigeist kann die Thatsache leugnen, daß diese große und göttliche Gestalt (Jesus) auf das Unzertrennlichste mit der Entwickelung jenes Volkes (der Inden) verwoben ist." Und auf Seite 248 sagt er: „Christus ist ein Jude, und seine Erscheinung kann nur verstanden werden, wenn wir diese speziell jüdischen Anschauungen, die er vorfand und sich zu eigen machte, kritisch begreifen gelernt haben" und S. 249: „Wer in der jüdischen Gedankenwelt lebte, konnte sich der Macht jüdischer Ideen nicht entziehen." Aber wenige Seiten vorher (S. 2wff) spottet er über Albert Reville und Renan, die Jesum als Juden behandelt haben. Sein Beweis, daß Jesus kein Jude der Raffe nach war, ist charakteristisch für die antisemilische Gelehrsamkeit. Jesus war Galiläer und daher kein Jude der Rasse nach (S. 280). „Aber Jesus war doch Semit, da er aus einem Lande entstammte, das zwischen Syrien, Phönizien und Israel lag!?" Weit gefehlt! Die Galiläer stammten zum Theil aus Babel. „Aber Babel ist doch ein semitisches Land!?" Aber nein! Das assyrische Reich war ein Rassenbabel, in dem höchstwahrscheinlich auch indogermanische Theile lebten. Vielleicht war es Tradition in einer solchen Kolonistengruppe, nur untereinander zu heirathen, und vielleicht entstammt Jesus einer solchen Kolonistenfamilie. Folglich ist es bewiesen, daß Jesus kein Semit war! (S. 219) Daß auf dem ersten Blatt des Neuen Testaments Christus ein Sohn Josephs, ein Enkel Davids, genannt wird, daß der rein semitische Ursprung Jesu geradezu eine Thesis der Evangelisten ist, stört große Geister wie diese Indogermanisten nicht! Dieser Beweis wird vielleicht dadurch noch klarer, daß Chambarlein behauptet, natürlich ohne Spur eines Beweises, daß die ihm nicht unsympathischen sephardischen (Paniolischen) Juden einer Kreuzung nnt Gothen ihren besonderen Typus verdanken. (S. 275, S. 1011.) Da sind mir immer noch jene Gelehrten sympathischer, die das Judenthum Jesu nicht ableugnen, aber dafür Jesum zum Ueberminder des Judenthums machen. Harnack, sicher einer der bedeutendsten christlichen Theologen der Gegenwart, Professor an der Universität Berlin, ärgert sich in seinen Vorlesungen über das Wesen des Christenthums, ebenso wie vorher Wellhausen, daß-es jüdischen Gelehrten ohne