Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Antisemitismus und Wissenschaft
- Date
- 1902-09-01
- Page
- 477 (sequence 5)
- Language
- German
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Antisemitismus und Wissenschaft. 477 zu sein, um diese Unwahrheit als solche zurückzuweisen. Wer einmal die „Sprüche der Väter" gelesen hat, der kennt den dritten Satz dieses Buches: „Seid nicht wie Knechte, die dem Herrn um Lohnes willen dienen." Die schlichte Wahrheit ist: Die Hebung der Tugend um ihrer selbst willen ist der Kerngedanke jeder Ethik, vor allem der jüdischen Sittenlehre. Auf keinem Gebiete wissenschaftlicher Erkenntnih würde sich heute irgend jemand erdreisten, mit so völliger Unkenntniß desselben zu schreiben; über das Judenthum Derartiges zu verbreiten, ist nicht nur erlaubt, sondern wird sogar noch bejubelt.*) Das wirklich Bedeutende in der indogermanischen Weltauffassung ist aber im Judenthum nicht nur gelehrt, sondern zum Theil schon überwunden worden. Zwar behauptet Professor Paul Deuffen in Kiel, -daß nur die Jndogermanen zur Anschauung der Wesenseinheit des Menschen mit Gott und so zur Auffaffung Gottes a's des Vaters gekommen sind. Wer das behauptet, der kennt nicht einmal das erste Blatt der Bibel, auf dem zu lesen ist: Gott schafft die Welt, und da er unendlich ist, so schafft er sie aus sich heraus. Wer das behauptet, der weiß nichts von dem Pantheismus der Kabbalisten, welche Gott und Welt identifizieren, dem ist es unbekannt, daß die Nachfolger der spekulativen Kabbalisten, die ungezählten Chassidim, noch heute Pantheisten sind, dem ist es scheinbar, ein Novum, daß der bedeutendste Lehrer des Pantheismus der Jude Spinoza gewesen ist. Und Gott als Vater der Menschen ist ein dem Juden so geläufiger Begriffdaß wir uns Gott kaum anders verstellen können, denn als unseren Vater im Himmel, daß die heilige Schrift wohl in allen ihren Theilen die Menschen Kinder Gottes nennt. An den heiligsten Tagen des Jahres beten wir Juden Abinu Malkenu „Vater unser, Weltenkönig" und das schönste Gebet des Christenthums: „Vater unser," ein Widerhall jüdischer Gebete, dürfte auch einem Kieler Professor bekannt sein.**) II. Die Juden und EhristuS. In dem edlen Bemühen, das Judenthum als Religion nach Möglichkeit herabzusehen, reichen sich Indogermanisten und manche christliche Theologen heutzutage brüderlich die Hand. *) Uebrigens verheißt auch Christus den Gläubigen zeitlichen Segen z. B. Matth. 6,31—33, vgl. 1. Timoth. 4,8. ••) Ausführlicher über die heiligen Bücher der Jndogermanen äußert sich -in ausgezeichneter Weise: Schreiner, die jüngsten llrtheile über das Judenthum, Berlin 1902 S. 21ff. S. 54ff, S. 125ff. S. 144ff.