Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 8 (August 1902)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1902-08-01
- Page
- 460 (sequence 2)
- Language
- German
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460 Hm Deutschen Reichs nistenblatte „Welt" unter dem 11. Juli einen „Offenen Brief an den Vorstand des Central-Vereinö deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens," zu richten, dessen sachlicher Theil zwar zu einer Erwiderung nicht Veranlassung giebt, dessen Ton indes eine Zurückweisung nothwendig macht. Wir halten daran fest, daß auch dem Gegner gegenüber immer ein geziemender Ton in der Diskussion zu bewahren und daß in ernsten Angelegenheiten nur eine sachliche Erörterung am Platze ist. Davon werden wir uns durch Herrn vr. Jeremias und seinen offenen Brief nicht abbringen lassen, ebensowenig wie wir uns davor scheuen werden, gegen ihn Stellung zu nehmen, wo wir sehen, daß er Unheil anrichtet. Wenn Herr I)r. Jeremias für die Art, in welcher dies durch unfern Brief vom 16. Juni geschehen ist, kein Verständniß hat, so ist dies auf denselben Mangel zurückzuführen, der ihn bei der von vielen Tausenden unserer Glaubensgenossen anerkannten langjährigen Thätigkeit des Eentral-Vereins Erfolge vermissen läßt. Wir wissen nicht, eine wie langjährige nervenärztliche Erfahrung Herrn ür. Jeremias zur Seite steht, die Art seiner Polemik aber Sie, geehrter Herr Doktor, haben durch Ihren in der „Allg. Ztg. des Judenthnms* vom 30. d. I. veröffentlichten Artikel „Eine öffentliche Irrenanstalt für Juden,* natürlich unbeabsichtigt, den Antisemiten einen dankbaren Stoff geliefert. Die ,Deutsche Zeitung" in Wien hat am l. Juni d. I. den Satz „Die jahrhundertelange physische Depravation ff." abgedruckt und daran folgende Bemerkung geknüpft: „Oder anders ausgedrückt: 2tlr)°l0 der Geistesfranken Preußens waren Juden, wahrend der Prozentsatz entsprechend demjcuigeu in der Gesammlbevölkerung 1 */5 °/0 hätte sein sollen. Wir haben dem Bcdünniß nach Irrenanstalten für verrückte Juden oder sogar für solche, die es nur vor dem Strafgesetz wohlweislich sein wollen, nichts entgegenzuhalten', für die in wahrem Sinne „gesunden Juden" halten wir aber das Ghetto für durchaus nicht depravierend. Woher denn? Probieren wir's übrigens einmal, ob sie dadurch schlechter werden?- Es versteht sich von selbst, daß wir Inden das, was wir für jüdische Verhältnisse nöthig finden, unbekümmert um antisemitische Angriffe ins Werk setzen; aber jedenfalls scheint es uns dringend nöthig, dabei einzelne Sonderbestrebungen nicht derartig zu motivieren, daß von christlicher Seite Schlüsse gezogen werden können, welche das antisemitische Ziel der Absonderung der Juden rechtfertigen. Don dieser unserer Auffassung Ihnen Kenntniß zu geben, haben wir für unsere Pflicht gehalten, weil Ihnen dadurch die Kenntniß von jener gewiß unbeabsichtigten Wirkung Ihrer Publikation vermittelt wird. Hochachtungsvoll Der Vorstand.