Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 8 (August 1902)
- Article
- Berlin
- Date
- 1902-08-01
- Page
- 448 (sequence 6)
- Language
- German
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448 Im deutschen Reich. Präsident von Windheim mit dem Verbot der neuen Versamm- Iunoi, in der Graf Pückler sprechen sollte, einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Man kann im Zweifel sein, ob es nicht richtiger gewesen wäre, wenn man zu anderen Mitteln gegriffen hatte, um das gefährliche Treiben einer offenbar nicht zurechnungsfähigen Persönlichkeit zu verhindern. Aber wenn, ohne daß von antisemitischer Seite Widerspruch erhoben worden wäre, auf Grund desselben Rechtstitels Versammlungen von Anarchisten verboten sind, so sollte man auch nicht Anstoß daran nehmen, daß er jetzt auch in Anwendung gebracht wird auf die Versammlungen eines Mannes, der wiederholt schon unter dreister Verhöhnung der Behörden und des Richterstandes öffentlich in gemeingefährlicher Weise zu Gewalttätigkeiten aufgereizt bat. Man kann doch nicht warten, bis Blut fließt, nur weil die Kasse des antisemitischen Moniteurs eine Einbuße zu verzeichnen hat, wenn Versammlungen verboten werden, deren gewerbsmäßige Ausnutzung er zu seiner besonderen Domäne gemacht hat." — Ter „Deutsche Autiscmiteubund" ermöglichte es trotzdem, am 14. Juli abermals eine Pückler- Versammlung zu veranstalten, die polizeilich gestattet wurde und auch nicht der Auflösung verfiel, weil diesmal ein Eintrittsgeld von 20 Pf. pro Person die Wirkung gehabt hatte, das in den Berliner Konkordia-Festsälen nahezu heimisch gewordene Stammpublikum des Dreschgrafen vor zahlreichen unbefangenen Gästen zu schützen. Es ist natürlich nicht Jedermanns Sache, der Kasse des Antisemitenbundes 20 Pf. für das zweifelhafte Vergnügen zu opfern, den ehemaligen Amtsvorsteher von Klein- Tschirne auf die „Judenkerle" schimpfen, den Landesherrn väterlich ermahnen und für das noch nicht zur Dreschflegelci bekehrte, angeblich „verjudete" Berlin beten zu hören. Graf Pückler konnte also seine Litanei ohne erhebliche Störung ableiern und den ihm gezollten Beifall gnädigst entgegennehmen. Hierauf erörterte Herr Wilhelm Bruhn das Thema „Deutschlands wirthschaftlicher und nationaler Niedergang", den er in der ihm üblichen Weise dringend durch ein Abonnement auf die „Staatsbürger-Zeitung" aufzuhalten empfahl. Der in dem Antisemitenblatt veröffentlichte Bericht über die „schöne Versammlung" betont, dieselbe habe den trefflichsten Beweisgeliefert, daß dort, wo deutsche Frauen und Männer sich versammeln, Zucht und Ordnung herrscht und Ruhestörer nicht geduldet werden, d. h., daß wer nicht mit antisemitisch heult, riskiert, hinausgeworfen zu werden. Der „stolze" Bericht schließt mit den Worten: „Juda hat wieder einmal zu früh in die Posaune von Jericho geblasen." Noch tönt leider diese Posaune nirgends, aber vielleicht ist doch die Zeit nicht mehr