Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 8 (August 1902)
- Article
- Die Gesammtorganisation der deutschen Juden
- Date
- 1902-08-01
- Page
- 427 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Gesammtorganisation der deutschen Juden. 427 keine einzige Großgemeinöe im ganzen deutschen Reiche angehört, die in Norddeutschland absolut keine Anhänger hat und die — was die Hauptsache ist — von dem ersten Tage ihres Bestehens an jede neue Idee, jeden neuen Vorschlag, jede neue Institution innerhalb des Judenthums hartnäckig und grundsätzlich bekämpft hat. Dieselbe Fraktion ist gegen die Alliance aufgetreten, hat den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund verketzert, den Central-Verein abgelehnt u. s. w. Und das ist sehr natürlich, wenn man auf die Geschichte dieser Fraktion zurückgeht. Denn kein anderer als ihr geistiger Vater war es, der zuerst das verhängnisvolle und furchtbare Wort „Schisma", welches seit mehr als einem Jahrtausend in Israel nicht gehört worden ist, furchtlos ausgesprochen hat. und aus dem Kreise dieser süddeutschen Orthodoxie heraus ist wiederholt in Eingaben an Regierungen, in populären Flugschriften, in Zeitungen und Werken für die Jugend die Erklärung abgegeben worden, daß es innerhalb des Judenthums nicht blos zwei Richtungen, sondern zwei verschiedene Bekenntnisse gebe und daß zwischen Orthodoxen und Reformjuden eine Liefere Kluft sei als zwischen Katholiken und Protestanten'! Nur wenn man dies alles weiß — und wer es nicht weiß, kann es in den verschiedenen Jahrgängen des „Jeschurun" und des „Israelit" Nachlesen, — wird man sich nicht einen Augenblick darüber wundern, daß ein Theil der süddeutschen Orthodorie nunmehr auch den Anschluß an die Gesammtorgauisation abgelehnt hat. Demgegenüber kann man es nur freudig begrüßen, daß strenggläubige Gemeinden und Rabbiner, die nicht zu diesem Häuflein gehören, der Begründung einer Gesammtorganisation im Prinzip zugestimmt haben, weil sie der Ueberzcngnng sind, daß in der That jede Furcht vor einem „Kirchenregiment" ausgeschlossen und die Eristenz der Organisation geradezu davon abhängig ist, daß ihr alle religiösen Fragen und kultuelle Streitigkeiten fernbleiben. In dem Augenblick, wo sie sich mit solchen Fragen beschäftigen würde, hätte sie selbst den Keim zu ihrem Untergang gelegt. Genau so wie der D. I. G. B. heute und schon seit mehr als dreißig Jahren die Gesammtintereffen der jüdischen Gemeinden und auch die geistigen Institutionen derselben in einer durchaus unparteischen Weise vertreten hat, so daß Orthodoxe und Reformer sehr wohl in diesem Bunde friedlich neben einander existieren und gedeihlich Zusammenarbeiten können, genau so soll es auch in der Gesammtorganisation sein, der die Zusammenfassung aller Kräfte innerhalb des Judenthums obliegt.