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Im deutschen Reich · 1902-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1902) · p. 358

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1902)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1902-06-01
Page
358 (sequence 8)
Language
German
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358 Fm deutschen Reich. Das Organ der Hamburger Antisemiten Schack und Raab irrt sich; der deutsche Jude „thut nicht geflissentlich anständig", sondern er ist unwillkürlich anständig und ist es nicht aus Furcht, sondern weil er in Mäßigkeit, Sittlichkeit und Religiosität erzogen wird. Ein Fünkchen Wahrheit liegt aber doch in der Bemerkung des Hamburger Blattes; denn Lhatsächlich hat sich den Juden gegenüber der Antisemitismus als Theil jener Kraft erwiesen, „die stets das Böse will und doch das Gute schafft". In den Zeiten des Liberalismus hatten viele deutsche Juden das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit ihren Glaubensgenossen verloren und vielfach religiöse Gebräuche vernachlässigt Als sie durch die Judengegner belehrt wurden, daß sie selbst um diesen theuren Preis die Verwirklichung der feierlich zugesagten Gleichberechtigung von Leuten nicht zu erkaufen vermöchten, die nicht im Stande sind, sich von mittelalterlichen Vorurtheilen frei zu machen, da lernten sie das wieder schätzen, was sie zu guten Menschen macht und ihnen das frohe Selbstgefühl einflößt, geistig höh.r zu stehen als jene, die sie nur niedcrzudrücken suchen, weil sie fähige Mitbewerber fürchten. Roth lehrt beten; deshalb haben die antisemitischen Bedrückungen veredelnd und erhebend auf die Juden gewirkt. Der jüdische Student, der sich von den Zechgelagen wilder Commilitoncn ausgeschlossen sieht, steigt um so früher in's Examen; dem jüdischen Arzte traut selbst tcr Antisemit, der sein einziges Kind in Lebensgefahr sicht, seinen Liebling lieber an, als dem Mediziner, mit dem er selbst kurz vorher nach einer erregten Parteiversammlung die Nacht durchschwärmt hat; dem sich der größten Objektivität befleißigenden jüdischen Uuiversitätslcrrer zollen selbst strengchristliche Hörer besondere Aufmerksamkeit, weil ihn seine dogmenlose Religion nicht an der freien Forschung hindert und keine Aussicht auf besondere Auszeichnung ihn verlockt, einer besonderen christlichen Richtung den Vorzug zu geben oder mit rhetorischem Schwung das zu decken, was nicht seiner vollsten Ueberzeugung entspricht. Aehnlich verhält es sich auf fast allen Gebieten, auf denen Juden thätig sein dürfen; überall spannen sie ihre Kräfte auf's Höchste an, um das Beste zu leisten, sich und andern genug zu thun, ohne jene für sie doch aussichtslose Glücksjägerei, die in andern Kreisen geradezu verwüstend wirkt. Verhöhnt als angebliche „Mammonsdiener", sind sie in einer stark materiellen Zeit beinahe noch die einzigen Träger des Idealismus, der das schönste Erzeugnis jener Offenbarungs-Religion ist, welche die Menschen lehrte, nichts auf der Welt zu fürchten als Gott, nichts zu hoffen als ewige Seligkeit, aber in jedem Menschen Gottes Ebenbild zu ehren und zu lieben. Danken doch nicht den

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