Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-06-01
- Page
- 356 (sequence 6)
- Language
- German
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356 Im deutschen Reich. sich unterfing, den bei keiner Corporation Unterkunft findenden jüdischen Studenten als „Zwangsfinken" zu bezeichnen, folgte eine kurze, würdige Abfertigung durch den Studenten Heilmann-Halle und eine von dem Referenten im Schlußwort eitheilte Mahnung zur Pflege'friedlicher Eintracht innerhalb der Studentenschaft. Dementsprechend wurde zuletzt eine Resolutien angenommen, welche es als das Streben der Fiukeuschaft hinstellte, „dem Grundsätze der Gleichberechtigung aller eires academici Anerkennung zu verschaffen". Eine am 10. Juni in den Aegirjalen in Berlin abgehaltene jüdische Studentenversammlung beschäftigte sich .mit den geschilderten Vorgängen vom zionistischen Standpunkte aus und nahm zuletzt eine Resolution an, welche gegen die Dombrowski'sche Erklärung protestierte und es für eine Ehrenpflicht der jüdischen Akademiker erklärte, im Kampfe zur Erhaltung des jüdischen Volksthums auszuhalten. Der antisemitischen „Staatvbürger-Ztg."- bot dies den willkommenen Anlaß zu dem Hinweis, daß die ehrlichen Juden doch sich selbst als ein „Volk unter den Völkern" bekennen. Dieser antisemitische Ausfall ist nicht neu und schadet nicht mehr als andere. Aber die ebenso unjüdischen, wie undeutschen Aeußerungen Dombrowski's haben hüben und drüben geschadet; denn es ging aus einer Aeußerung des Leipziger christlichen Studenten Or. panisch deutlich hervor, daß er und wohl auch andere offenbar darin eine Zusage der jüdischen Studenten erblickt hatten, sich immer mehr zu assimilieren und der alten Lehre Valet zu sagen. Das ist aber hoffentlich nicht die Absicht der jüdischen Mitglieder der freien Studentenschaft, von denen wohl die meisten die Finkenschaft nur für einen neutralen Boden gehalten haben, auf dem sie sich als gutdeutsche Jünger der Wissenschaft bethätigen können, ohne ihren Glauben zu verleugnen. Sollte in die Finkenschaft das antisemitische Gift des Raffen- und Religions- Hasses durch den völlig undeutschen „Chauvinismus" einzelner Fanatiker erfolgreicher als bisher hineingetragen werden, dann wäre sie ebenso wenig wie die farbentragende korponerte Studentenschaft eine Organisation, der Juden angehören können, ohne Verrath am Judenthum zu begehen. Mitder bloßen Duldung einzelner jüdischer Mitglieder kann es auf die Dauer nicht abgethan sein, auch nicht mit der Wahl einzelner Juden in den Vorstand; es ist vielmehr eine nur gerechte Forderung, daß die Finkenschaft „nie soll befragen, noch Wissens Sorge tragen, weff' Glauben und wess Art, von wannen kommt die Fahrt", wenn ein vaterlandsliebender, makelloser Jünger der Wissenschaft an ihre Thüre klopft.