Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-06-01
- Page
- 353 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau. 353 Geistesfreiheit, Selbstbeherrschung und innerer Tüchtigkeit, unter Verschmähung aller glänzenden aber inhaltlosen Äußerlichkeiten, in dem Grade wie ehemals noch vorhanden? Hält sich die Burschenschaft noch ganz fern von dem unwürdigen Parteigezänk des Tages und von gedankenloser Nachahmung anderer studentischer Organisationen? Auch sie prunkt vielfach mit Äußerlichkeiten; auch sie schließt Commilitonen, deren Vorfahren seit Jahrhunderten in Deutschland heimisch sind, nur deshalb aus, weil sie ein anderes religiöses Bekenntnis haben und nichtarischer Abstammung sind. Noch leben bejahrte jüdische Männer von wissenschaftlicher und socialer Bedeutung, deren Zugehörigkeit zur Burschenschaft dieser zur Ehre gereichte, die aber heute abseits stehen müssen, weil die activen Burschenschafter nach dem Vorbilde der Corps, wenn auch nicht durch ihre Satzungen, so doch Lhatsächlich Juden vor der Aufnahme ausschließen und damit Vorurtheilen anheimgefallen sind, die in früheren Jahrzehnten mühsam überwunden, weder dem Deutschthum noch der deutschen Studentenschaft zur Ehre oder zum Segen gereichen! Daß aber selbst die „freie deutsche Studentenschaft" von der antisemitischen Strömung nicht unberührt geblieben ist und dem künstlich konstruierten Gegensätze zwischen arischen und semitischen Commilitonen Rechnung tragen zu müssen glaubt, bat leider der Verlauf des am 23. und 24. Mai in Weimar abgehaltenen 3. Kongresses der Finkenschaft bewiesen. An das Referat des cand. theol. Hase - Berlin über „die freie deutsche Studentenschaft und die nationale Frage", mit welchem der zahlreich besuchte Kongreß eingeleitet wurde, knüpfte sich eine bedeutsame Debatte über die sogenannte „Judenfrage", welche der Referent als die brennendste der Gegenwart bezeichnet hatte. Gesetzlich sei es selbstverständlich, daß Arier und Juden auf gleicher Stufe stehen. Im studentischen Leben seien aber Strömungen zur Oberhand gelangt, die darauf hinausgehen, den Juden die Gleichberechtigung zu nehmen. Bei der Frage, wie sich die Finkenschaft zur Judenfrage zu stellen habe, sei das Entscheidende die Persönlichkeit. Das Individuum allein müsse maßgebend sein, und aus dieser Erkenntniß heraus würde cs auch unzulässig sein, einen Juden nicht für gleichberechtigt zu halten, nur weil er Jude sei. Nicht Religion und Rasse, sondern Person und Fähigkeit allein sollten entscheiden. Der arische Student solle den sich würdig führenden jüdischen Commilitonen als gesetzlich und gesellschaftlich gleichberechtigten Menschen betrachten, die jüdischen Studenten dagegen sollen durch bescheidenes, angemessenes Betragen beweisen, „daß die in der deutschen Studentenschaft vorhandene Abneigung"