Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-06-01
- Page
- 352 (sequence 2)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. &">2 politischen und volklichen Entwickelung zurückgetreten sei, hat dies immerhin eine gewisse Berechtigung. Der Antisemitismus mancher akademischen Kreise ist auch wohl nicht eigentlich Zweck und Ziel, sondern nur die Folge des systematisch zn dem politischen Zwecke der Vernichtung des Liberalismus großgezogenen, ungesunden Streberthums und einer grobmatcriellen Lcbensanschauung, die es für erlaubt hält, behufs Erringung einer behaglichen Lebensstellung alle fähigen Mitbewerber, und deshalb besonders die Juden, rücksichtslos fernzuhalten. Die betrübende Thatsache, daß die davon unzertrennliche Verkümmerung des selbstlosen Idealismus vielfach auch mit einer Vergröberung der Sitten in den akademischen Kreisen verbunden ist, die doch Ungebildeten als Vorbild dienen könnten, ist leider durch zahlreiche Vorkommnisse bestätigt worden. Wer aber als wirklich nationalgesinnter Mann für das deutsche Volk nichts heißer ersehnt als Kulturfortschritte und den Ausbau des Kultur- und Rechtsstaates, der muß sich entsetzt abwenden, wenn in den gebildeten Kreisen der Kamps um's Dasein in rohester Weise geführt, wenn er mit realpolitischen und ,,völkischen" Redensarten beschönigt und schließlich die höhere wissenschaftliche Bildung nicht mehr ihrer selbst wegen, sondern nur noch behufs Erlangung äußerer Vortheile und Vorrechte erstrebt wird. Die Entscheidung der Frage, ob der Antisemitismus der akademischen Kreise die Vergröberung der Anschauungsweise und die Verkümmerung der freien Lebensauffassung erzeugt hat, oder ob er durch diesen ethischen Niedergang erst überhaupt möglich wurde, ist fast bedeutungslos. Unleugbar haben die systematische Erdrückung der liberalen Gesinnungen und die künstliche Züchtung des groben Materialismus dem Antisemitismus zu seiner heutigen weiten Verbreitung verhelfen. An die niedrigen Instinkte im Menschen appelliert man leider auch dann nicht ganz vergebens, wenn es sich um geistig Höherstehende handelt. Nur so erklärt es sich, daß das Rassenvorurtheil auch in Kreise eingedrungen ist, die gegen dasselbe eigentlich durch die Liebe zur Freiheit, sowie durch die Heilighaltung von Recht, Ehre und Menschenliebe vollständig geschützt sein sollten. Als im Maimonat die deutsche Burschenschaft auf der. Göpelskuppe bei Eisenach das Denkmal für die im Kriege von 1870/71 gefallenen Burschenschafter festlich weihte, wurde mit Sang und Waffenklang das herrliche Gelübde erneuert, die höchsten Güter des deutschen Volkes, Freiheit, Ehre und Vaterland allezeit hochzuhalten. Aber ist das, was die Burschenschaft vor andern studentischen Vereinigungen auszeichnen sollte, das Streben nach idealen Zielen, nach