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Im deutschen Reich · 1902-05-01 · Heft 5 (Mai 1902) · p. 258

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 5 (Mai 1902)
Article
Der Stand des Antisemitismus im Reiche
Date
1902-05-01
Page
258 (sequence 2)
Language
German
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2ö8 Im deutschen Reich. Große Ziele können aber nur durch fleißige und zweckmäßige Kleinarbeit aller Betheiligten erreicht werden; jeder, welcher sich in seinen Rechten benachtheiligt glaubt, hat bei geeigneter Zeit und am richtigen Orte Beschwerde zu führen. Sind z. B. mehrere jüdische Einjährige von der Vorbereitung zum Offiziersexamen ausgeschlossen, so wird eine instanzenmäßige Anfrage beim zuständigen Hauptmann ohne Nachtheil für die Betheiligten sein. Daß sich die Offizierskorps vollständig über die verfassungsmäßige Gleichberechtigung hinwegsetzen und grundsätzlich keinen Juden aufnehmen, wird am besten in direkter oder parlamentarifcher Befragung des Kriegsministers erörtert werden, wie es kürzlich bezüglich der Ausschließung der Gerichtssekretäre vom Offiziersstande der Fall war. Gleicherweise wäre in den anderen Ressorts zu verfahren. Nur durch die bisherige Vernachlässigung dieses einfachen Vorgehens konnte es kommen, daß der hessische Justizminister den Juden vorwarf, es hätte sich keiner wegen der Zurücksetzungen beschwert! Wie bereits oben erwähnt, darf zur Ehre derjenigen, welche die Zurücksetzung der Juden bisher nicht verhindert haben, angenommen werden, daß sie sich der Verletzung der Verfassung nicht bewußt sind, ja im Gegentheil durch die dauernden Verhetzungen der antisemitischen Presse noch glaubten, nach Recht und mit obrigkeitlicher Zustimmung zu handeln. Denn nach dem bekannten Bismarck'jchen Rezepte braucht der größte Widersinn nur oft und laut genug gesagt oder gar gedruckt zu werden, um bei der großen Menge Glauben zu finden . . Sollte es da nach demselben Rezepte nicht möglich sein, auch der Wahrheit und dem Rechte zur Anerkennung zu verhelfen?! Es kann nicht oft genug im persönlichen Verkehr mit den christlichen Mitbürgern, oder schriftlich gegenüber den Behörden und gedruckt gegenüber der großen Menge betont werden: „Die Juden sind mit allen staatsbürgerlichen Rechten versehen". Das ist einer der wichtigsten, von dem Central-Verein zufammengestellten Leitsätze, welche je nach Eignung möglichst verbreitet werden müssen. Der Einwand, daß durch eine derartige Agitation eine Meaktion bei den Antisemiten erzeugt wird, ist richtig; anders liegt die Frage, ob dies schädlich sei, und da muß allerdings das Gegenteil behauptet werden. Nicht etwa wird eine baldige Veränderung' in den üblen Gesinnungen gegen die als rechtlose Eindringlinge bezeichnten und so angesehenen Juden eintreten, welche in dem deutschen und christlichen Staate angeblich nichts zu suchen hätten, nein, es soll und

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