Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-04-01
- Page
- 235 (sequence 11)
- Language
- German
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Umschau- 233 liscken Kirche auf das Judenthum, „diese ureigenste Lehre erhabenster Ethik unerreichter, geschweige übertroffener Toleranz gegen Fremde und Andersgläubige" zurückgesührt werde. Er forderte vr. Wahrmund auf, nicht Leuten vom Schlage eines Eisenmenger und Rohling nach- Zusprechen, sondern für die behauptete Intoleranz des Judenthums, „worunter selbstverständlich nicht eine einzelne Partei oder gar vereinzelte Personen, sondern die religiöse Lehre des Judenthums zu verstehen ist," doch Beweise vorzubringen. Er führte dann eine Anzahl Stellen aus der Bibel an, in welchen den Juden vorgeschrieben wird, die Fremden nicht zu bedrücken, ja nicht einmal zu kränken (Exodus XXII, 20, Leviticus XIX, 33, Numeri XV, 15). Don Wahrmund sagt die katholische „Köln. Dolkszeitung", er habe immer als Antisemit und Anhänger einer politischen Ricktung gegolten, „die zwischen Deutscher Dolkspartci und Christlich.social pendelte". Bekanntlich ist er der Sohn des antisemitischen Universitätsprosessors Adolf Wahrmund in Wien, der verschiedene sehr gehässige Schriften gegen Juden und Judeuthum geschrieben hat. Wenn die „Germania" sich davon überzeugen will, daß der Katholizismus von den antisemitischen Rastensauatikcrn genau so befehdet wird wie das Judeuthum, braucht sie nur wöchentlich in das Tiroler Witzblatt „Der Scheerer" zu blicken, das in Wort und Schrift das„Scköncrerthum" volkolhümlich Zu machen sucht, welches Professor Wahrmund wissenschaftlich begründen zu kennen vermeint. Die österreichischen Klerikalen baben Luegerschen und Liechtcnsteinschcn Wind gesaet und werden voraussichtlich den von Schönerer und Wolf angesachtcn antiösterreichischcn und anliklerikalen Sturm ernten. Der von den Anhängern Luegers an den letzten Iden des Marz bei den Wiener Gcmeiudcrarhswahlen errungene glänzende Erfolg dürste sich als Pyrrhussieg erweisen; der Antisemitismus in Wien hat damit den Höhepunkt erreicht; er krankt nun an dem Unvermögen, den Masten bieten zu können, was sie von ihm erwarten, und die Sozialdemokraten melden sich bereits als lachende Erben des kranken Mannes. Seit dem Abschluß des W5-Millionen-Anlehens rangiert Wien in Mitteleuropa, was seine Schuldenhöhe anlangt, nur noch hinter Paris. Nach sechsjährigem -antisemitischen Regime bat sich die Schuldenlast im Kapital vervierfacht, in der Jahreszinsen- und Amortisations-Quote verdreifacht. Bei den Wahlen zu den östcrreichi chen Handels- und Gewerbekammern nahmen die Liberalen den Deutschnationalen zahlreiche Mandate ab auch sonst machte sich neuerdings der Umschwung der Stimmung deutlich bemerkbar, am meisten in Böhmen, wo die Trennung Schönerers von Mols die Sache der antisemitischen „Alldeutschen" besonders schwer