Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-04-01
- Page
- 229 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 229 solchem Falle dieselben in Folge desRitualmordwahusderverdicntenSLrafe entgehen, zetern die Verbreiter dieses Wahns am lautesten: „Da kommt sicher wieder nichts heraus." Unter dieser Spitzmarke erinnert z. B. die antisemitische „Bayerische Landeszcitung" an das Verschwinden der der bei dem jüdischen Agenten Lob Callmann in Frankfurt a. Main bedienstet gewesenen Marie Kimme! aus Hcugrumbach und verwahrt sich gegen die Annahme der „Kleinen Presse", daß das Mädchen in einem Kloster zu finden sein werde. Daraus entgegnet das Antisemitenblatt: „Von religiösen Wahnideen kann bei dem Mädchen keine Rede sein. Wir können wegen jeglichen Mangels an Beweisen nicht an einen Nitualmord glauben, aber neu ist es nicht, daß Mädchen von Menschenfieischhändlern -- durch Versprechungen verlockt werden." Den edlen Menschenfreunden, die nur „wegen Mangels an Beweisen nicht an einen Ritualmord glauben", reihen sich die Männer würdig an, die aus heilsamem Respekt vor dem auch das Judenthum und seine Einrichtungen vor Verunglimpfungen schützenden 8 16G des Strafgesetzbuches nur an „Blutmorde" irgend einer bisber bekanntlich noch unentdeckt gebliebenen jüdischen abergläubischen Sekte zu glauben vorgeben. Wenn auf die Entdeckung ein Preis gesetzt wäre, so dürfte sich Herr Dr. Oertel von der „Deutschen Tageszeitung" als Bewerber melden. Er schreibt nämlich: „Mrt Ausnabme einiger nicht ernst zu nehmenden Heißsporne (Pfarrer Krösell'ch glaubt im Deutschen Reiche wohl niemand daran, daß der Genuß von Ebristenblut eine anerkannte Forderung der jüdischen Religion sei. Der Rachweis aber, daß es innerhalb des Iudenthums nicht hie und da einen Blutaberglauben geben könne, der unter gewissen Verhältnissen zur gewaltsamen Blutentziehuug führen kann, ist nicht geführt worden und kann nicht geführt werden. Solcher Blutaberglaube hat sich fast zu allen Zeiten und bei vielen Völkern gesunden. Er ist auch gewissen (?) jüdischen Sekten nicht fremd gewesen." Welche gewissen jüdischen Setten gemeint sind, und wo Vertreter olcher Sekten sich in Deutschland Herumtreiben, darüber giebt Hcrrvr. Oertel natürlich keine Auskunft. Ihm ebenbürtig erscheint der ritterliche Volksvertreter Liebermann von Sonnenberg, der auf dieselbe vorsichtige Weise bisher stets einem Verfahren wegen Religionsbeschimpfung auszuweichen suchte, sich immer in Wort und Schrift des Wörtchens „Blutmord" bediente, aber dann daran Betrachtungen knüpfte, aus denen unverkennbar feine Anhänger den Schluß ziehen sollten, daß er den Juden Mordthaten von Religionswegen zutraue. Er untersing sich sogar, christlichen Eltern den Rath zu ertheilen, ihre