Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Rechtsschutzbericht
- Date
- 1902-04-01
- Page
- 219 (sequence 20)
- Language
- German
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Jahresbericht. 219 M. H., der Thatsache, daß die meisten Hauptkräfte des Antisemitismus sich so schnell abwirthschaften, lege ich eine übertriebene Bedeutung nicht bei. Die Schreier hat man eine Zeit lang gebraucht. Man hat sie walten lasten, bis sich der Antisemitismus in den Gemüthern der Jugend festgesetzt hat, die jetzt im Mannesalter steht. Jetzt braucht man die Schreier nicht mehr; der Antisemitismus hat sich consolidiert. Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich den Fall Könitz nickt erörtert habe. Sie haben indessen hierüber vor Kurzem einen so lichtvollen Vortrag aus dem Munde unseres hochverehrten Herrn Vorsitzenden gehört, daß ich Ihnen Neues nicht sagen konnte. Ich will nur erwähnen, daß dieser traurige Fall eine große Anzahl Blutmärchen in den verschiedensten Orten gezeitigt hat. Kein Wunder! Die Antisemiten haben ja in Könitz glänzend demonstriert, wie man Blutmärchen züchtet. In neuester Zeit ist wieder einmal ein Versuch gemacht werden, einen Blutmord zu construieren. Der Versuch ist, dank dem energischen Eingreifen der Polizei vergeblich gewesen. In Strehlen verbreitete sich die Nachricht, es sei ein Knabe von Leuten mit Bärten und Larven, natürlich Juden, in die Synagoge gelockt worden. Was dort mit dem fünfjährigen Knaben geschehen sein sollte, war nicht klar. Die „Staatobürgerzcitung" erklärte aber bedeutungsvoll: „Was steckt dahinter?" Nun. meine Herren, dahinter steckte Nichts weiter als eine Lüge, die entweder ein mit reicher Phantasie begabtes Kind erdacht, oder die — und dies ist das Wahrscheinlichere — dem Kinde, }ci es aus Bosheit, oder auS Dummheit eingctrichtert worden ist. Die sofort veranlaßten Vernehmungen ergaben, daß der Vorgang sich so, wie er von dem Knaben geschildert wurde, nicht abgespielt haben konnte. Das Kind erklärte z. B., nicht einer der mit Larven unkenntlich gemachten Männer, sondern ein Briefträger habe cs aus der Synagoge herausgeführt. Eine sofortige Rückfrage bei der Post ergab, daß zur fraglichen Zeit kein Briefträger an der fraglichen Stelle gewesen sein konnte. Aehnliche Erscheinungen haben wir zu Dutzenden erlebt. Als Kuriosum verdient ein Blutmordmärchen Erwähnung, das in Kronstadt in Siebenbürgen verbreitet worden ist. Dort verbreitete sich die Nachricht, die Juden suchten Christenblut für die neue Synagoge, deren Eröffnung bevor stand; es gehe ein Jude herum, der Christenblut für theures Geld aufkaufe. Die Sache klärte sich sehr harmlos auf. Ein jüdischer Versicherungsagent hatte eine christliche Frau zu veranlaffen gesucht, das Leben ihres Kindes auf mehrere Tausend