Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Rechtsschutzbericht
- Date
- 1902-04-01
- Page
- 218 (sequence 19)
- Language
- German
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218 Im deutschen Reich. M. H., ich will mich noch kurz mit einigen antisemitischen Häuptlingen beschäftigen. Viel Material für eine -Parade aus der Schaar der Antisemitenhäuptlinge steht mir allerdings nicht zur Verfügung. Die Herren winhschaften sich eben, wie ich schon sagte, regelmäßig gewaltig schnell ab. Wen soll ich Ihnen noch vorführen? Herrn Ahlwardt vielleicht, oder seinen Schwiegersohn, Herrn Bodcck, die sich längst abgewirthschaftet haben, oder den Grafen Pückler, den Mann, der es vorzicht, gerichtlichen Vorladungen nicht mehr Folge zu leisten? Dies scheint übrigens unter den Herren modern zu werden. Herr Böckler kommt auch nicht mehr.' Ich will dem Herrn Böckler ja nicht zu nahe treten und behaupten, er komme deshalb nicht mehr, weil er sechs Monate wegen Beleidigung des jüdischen Justizraths Cassel abzubüßen habe. Wir werden ja sehen, ob er zurückkommen wird. Oder soll ich Ihnen von Herrn Pastor Krösell in Kloriu noch viel erzählen, der kürzlich wegen Hausfriedensbruches bestraft worden ist, weil er sich trotz Aufforderung nicht aus dem Zimmer der Wirlhschafterin eines Freundes entfernen wollte? Auch dieser Herr ist wohl schon zu den Todten zu rechnen. Dieser Pfarrer, der in einer unglaublichen Hetzrede, die er vor Dauern hielt, sein Auftreten in der Frage des Ritualmordes wörtlich, wie folgt, rechtfertigte: „Wir Theologen sind berufen, in der Frage des Ritualmordes mitzusprcchcn, weil nur wir die hebräische Sprache beherrschen," — dieser Herr hat kürzlich aus Anlaß einer Verhandlung gegen Herrn Landccker in Stargard wegen Beleidigung des Herrn Krösell unter seinem Zeugeneide zugeben müssen, daß er den Schulchan Aruch und den Talmud überhaupt nicht lesen könne. Nach dieser Erklärung sind wir auch mit diesem Herrn fertig. Im Uebrigen möchte ich bei dieser Gelegenheit bemerken, daß wir es durchaus nicht für besonders nützlich halten, Verhandlungen, wie diejenige im Falle Landecker, zu provocieren. Esist überaus gefährlich, mit beleidigenden Angriffen gegen Antisemiten vorzugehen, um diese etwa zu einem gerichtlichen Vergehen zu zwingen. Man geht hierbei leicht über das Ziel hinaus und verhilft dem Antisemitismus zu einem formellen Siege. Nicht vergessen will ich noch in der Reihe der antisemitischen Helden den seltsamen Kronzeugen Leopold Landau in Pforzheim, den Mann, auf den sich immer die Antisemiten dafür berufen, daß es wirklich unter den Juden eine Sekte gebe, die den Ritualmord von Religions wegen treiben. Es ist auf vielfaches Vorgehen schließlich festgestellt worden, daß dieser Herr ein unglücklicher Geisteskranker ist. Das Verfahren gegen ihn ist eingestellt worden.