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Im deutschen Reich · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. 208

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Rechtsschutzbericht
Date
1902-04-01
Page
208 (sequence 9)
Language
German
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208 Im deutschen Reich. berechtigten Aufs^srei eines Mitgliedes, stellt sich heraus, daß die Antisemiten sich sehr fein der Judikatur angepaßt haben. Das Wort „Ritualmord" oder gar „jährlicher Sühnmord" oder „Sühnemord" finden Sie kaum noch in einer antisemitischen Zeitung. Die Herren drücken sich vorsichtig aus: „Blutmord" heißt es jetzt nur, und es wird ausdrücklich Der- Wahrung dagegen eingelegt, daß die Religion der Juden den Blutmord gebiete. Nur einzelne böse Menschen unter den Juden sollen von Alters her mit dem Blutdurst belastet sein. In zahlreichen Fällen dieser Art läßt sich juristisch nichts ausrichten. Es ist auch z. B. charakteristisch, daß in den Zeitungsberichten der Antisemiten die Bezeichnung „Jude" beinahe fortgefallen ist. Es heißt nicht mehr „der Jude Jtzig" sei wegen betrügerischen Bankerotts angeklagt, sondern es wird nur von Herrn Jtzig gesprochen und dahinter die Ausrufungszeichcn gesetzt. Gegen dieses Ausrufungszeichen läßt sich sehr schwer etwas ausrichten. Bei Collectivbeleidigungen werden die Hinterthüren, die die Judikatur, wie ich das oben geschildert habe, öffnet, immer reichlich benutzt, und es wird sehr schön, wenn man alles Böse von den Juden behauptet, gesagt, nicht alle Juden machen das so, sondern im Gegentheil, es gebe auch sehr anständige Juden. Wenn nun ein Jude den Strafantrag stellt, wird ihm entgegcngehalten: „Du bist einer der anständigen Juden, die ausgenommen sind." Außerdem sind wir zu der Ueberzeugung gekommen, daß wir gegen manche Leute überhaupt nicht mehr Vorgehen. Der verehrte Graf Pückler mag sich in seinen Ankündigungen so sehr rühmen, wie er will, für uns ist ein Mann, von dem in zahlreichen Gerichtsentscheidungen festgestellt worden ist, daß man ihn nicht ernst nehmen könne, nur ein Object für den Psychiater, nicht mehr für die Strafgerichtsbarkeit. Der Herr ist für uns tobt. Solchen Leuten verhelfen wir nicht zu einer Popularität. Die laffen wir sich allein abwirthschaftcn, und das besorgen die Antisemitenhäuptlinge zu unserer Freude sehr schön. So gehen wir auch in neuerer Zeit gegen antisemitische Witzblätter nicht mehr vor. Den Namen „Witzblatt" verdienen diese edlen Erzeugnisse der Litteratur nicht. Sie leben thatsächlich eigentlich nur noch von den Strafanzeigen der Juden. Dadurch erhalten sie eine gewisse Popularität, mit der sie sich eine Zeit lang über Wasser halten. Genau so ging es mit einer ganzen Anzahl antisemitischer Redakteure, die thatsächlich todt sind, wenn wir sie nicht mehr vor den Strafrichter bringen. Jm'Uebrigen betone ich, damit meine Aeußerung nicht etwa mißverstanden wird: Die Herren mögen nicht übermüthig werden! Auch die Herren, die wir loslassen, behalten wir uns vor, im geeigneten Momente doch einmal wieder anzufassen!

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