Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Jahresbericht
- Date
- 1902-04-01
- Page
- 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316689-2316693-2329415--09414-2329487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
198 Im deutschen Reich. auf. Herr Rabbiner Dr. Werner aus München hat seinen überaus interessanten und glänzenden Vortrag über „Spinoza" am 20. Januar gehalten. Es haben sich, trotzdem uns eine auch mit erheblichen Geldausgaben verknüpfte Thätigkeit beschäftigte, doch unsere Vermögeuöverbältnisse nicht verschlechtert. Der Kontrolleur Herr Weile und der Schatzmeister Herr Dr. Ginsberg haben ihres Amtes so wacker gewaltet, daß unser Reservefonds intakt geblieben ist, und daß der vorhandene Bestand sich auf 3756 Mk. daneben erhöht hat. Wenn ich nun an diese Angaben des Jahresberichts die mehr aktuellen neueren Vorgänge knüpfe, die in unseren Versammlungen erwähnt zu werden pflegen, so lenkt sich unsere Aufmerksamkeit in erster Linie wohl auf die große Heerschau des „Bundes der Land- - wirthe", die eben vorhergegaugen ist und bei der, wie üblich, die antisemitischen Reden nicht gefehlt haben. Gehört doch zu den ständigen Rednern dort Herr Licbermann v. Sonnenberg, und daß gerade dieser Herr dort einen besonderen Beifall erntet, das kennzeichnet ja, wie ich meine, die Bestrebungen dieses Bundes aufs treffendste. Daß aber dieselben Herren, die dort das große Wort führen, auch einen starken politischen Einfluß gewinnen, dafiir scheinen die Verhandlungen unserer Parlamente nicht gerade zu sprechen. Es ist seitens der Regierung eine direkte Absage an Herrn Liebcrmann v. Sonnenberg erfolgt, als er sich in die auswärtige -Politik mischte, und auch die speziell vom Bunde betriebene Politik der starken Zollerhöhungen scheint ja dort nicht beliebt zu werden. Ein neuer Redner im Parlament ist erstanden in dem wohl nicht besonders ernst zu nehmenden Herrn v. Maffow, von dem erst dieser Tage wieder eine neue Probe der Beredsamkeit in die Parlamentsberichte übergegangen ist. Run, wenn der Herr sich darüberverbreitet, daß hier in den Nachtkaffees gerade von unseren Glaubensgenossen besondere Ausschreitungen vorkämen, und wenn er meint, daß er speziell das Nachtleben Berlins unseren Glaubensgenossen zur Last legen muffe, so, meine ich, werden alle diejenigen, die die Berliner Verhältnisse kennen, darüber mit uns einig sein, daß der Vorwurf unsere überaus fleißige und nüchterne heimische Bevölkerung ganz zu unrecht trifft! Wenn man die Herren sich ansieht, die hier in Berlin die Lokale bevölkern und ihnen Leben geben, so erkennt man schon auf den ersten Blick Fremde, und zwar vielfach Leute aus den Kreisen, die uns nachher Abgeordnete wie Herrn v. Massow in den Reichstag schicken.