Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Jahresbericht
- Date
- 1902-04-01
- Page
- 196 (sequence 4)
- Language
- German
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196 Im deutschen Reich. gerade bei diesen Kreisen wohl nicht als vergeblich von vornherein anzusehen, und da haben wir uns entschlossen, nach dem Vorschläge dieses unseres Mitgliedes, aber nach wiederholten Besprechungen innerhalb des Vorstandes diesen Leitsätzen eine Fassung zu geben, die wohl nach der Ausnahme, die sie in der Presse gefunden hat, die richtige war. Wir sagen darin: 1. Die Grundbedingung für Staat und Gesellschaft bildet das Recht. 2. Die Bekämpfung und Unterdrückung einer vom Staate anerkannten Religionsgesellschaft und ihrer Anhänger, auch wenn sie die Minderheit im Staate bilden, widerspricht dem Rechtsbewußtfein jedes gesitteten Volkes. 3. Die Hebung der jüdischen Religion und ihre Sittenlehre widerspricht in keinem Punkte den sittlichen Grundsätzen des modernen Staates: Geheimlehren kennt das Judenthum nicht; also ist es Rechtens, die Juden den Bekennern der christlichen Religion in staatsbürgerlicher und gesellschaftlicher Beziehung gleichzustellen. 4. Der Antisemitismus verletzt das Grundgebot der Nächstenliebe, das der chnsllichen und der jüdischen Religion gemeinsam ist. 5. Der Antisemitismus urtheilt und handelt durch Haß geblendet; er geht vom Recht zur Rechtlosigkeit und führt zum Anarchismus. 6. Wer den Antisemitismus fördert, macht sich zum Mitschuldigen seines frevelhaften Treibens, wer ihn bekämpft, tritt für Ehre und Wohl seines Vaterlandes ein. 7. Den Glauben seiner Väter hochzuhalten, ist Ehrensache; das gilt in gleicher Weise für Juden wie für Christen. 8. So wenig die Gesammlheit der Christen verantwortlich ist für Verstöße einzelner gegen Staats- und Sittengesetz, so wenig können die Juden die Ausschreitungen einzelner Israeliten hindern oder verantworten. Jeder Jude weiß, daß ein eingewurzeltes Vorurtheil für seine Fehler die Gesammtheit seiner Glaubensgenossen zur Rechenschaft zieht, und daß es ihm deshalb mehr als jedem anderen Volksgenossen obliegt, Selbstzucht zu üben. 9. Nur die Zusammenfassung aller im deutschen Volke vorhandenen sittlichen und geistigen Kräfte hat Deutschland zur Einheit und Größe geführt. Diese Güter zu wahren, ist Pflicht jedes Patrioten. 10. Niemand darf zurückgewiesen werden, der für das Vaterland Gut und Blut, geistigen und sittlichen Besitz einsetzt, mag er Jude oder Christ, arischer oder semitischer Abstammung sein. Höher als Alles steht daß Vaterland; das Heil des Vaterlandes aber beruht auf Gerechtigkeit'.