Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-03-01
- Page
- 158 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316689-2316692--09321-2329356- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
158 Im deutschen Reich. Erbitterung im Volke gegen die unbegreifliche Haltung der Regierung ist deshalb so stark, weil man nach den Erklärungen der Negierung zu der Ueberzengung kommen muhte: nicht, daß sie nichts Lhun kann, sondern, daß sie nichts thun will!" Wenn in einer jüdischen Versammlung einem Oesterreicher oder Russen jemals gestattet würde, über die Staatsleitung sich in so mißfälliger Weise zu äußern, dürfte die Versammlung sofort der Auflösung verfallen und der Redner kaum der Ausweisung entgehen. Die Juden werden freilich trotz der ihnen durch Verfassung und Gesetz verbürgten Gleichberechtigung immer noch etwas stiefmütterlich behandelt und Stiefkinder müssen stets weit artiger sein als andere Kinder. Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, hat der Centralverein in 10 kurzen Leitsätzen die Stellung der deutschen Juden in scharfen Umrissen gekennzeichnet. Die mühseligen Versuche der antisemitischen Presie diese Thesen zu zerpflücken beweisen fast noch mehr als die Zustimmung aller Bessergesinnten, daß das Bekauntgeben dieser Grundsätze zeitgemäß war. Ein gutes Wort findet immer gutes Gehör, und die große Mehrheit der christlichen deutschen Staatsbürger, die glücklicher Weise noch nicht durch „Stöckerei" und „Pücklerei" um die Unbefangenheit des Urtheils gebracht worden ist, wird und muß die gutdcutsche Gesinnung anerkennen, die aus den Worten spricht: „Rur die Zusammenfassung aller im deutschen Volke vorhandenen sittlichen und geistigen Kräfte hat Deutschland zu Einheit und Größe geführt. Diese Güter zu wahren, ist Pflicht jedes Patrioten. Niemand darf Zurückgewiesen werden, der für das Vaterland Gut und Blut, geistigen und sittlichen Besitz einseht, sei er Jude oder Christ, arischer oder semitischer Abstammung. Höher als alles steht das Vaterland. Das Heil des Vaterlandes aber beruht auf Gerechtigkeit." Was die „Staatsbürgcr-Ztg." verbringt, um die in jenen Leitsätzen dem Antisemitismus gemachten Vorwürfe zu entkräften, wird keinen Urtheitsfähigen überzeugen. Das judenfeindliche Blatt bestreitet den religiösen Charakter der Bewegung, beruft sich aber gleichzeitig auf Luthers „Schrift wider die himmlischen Propheten"; es behauptet, daß die im 3. Buch Mose gebotene Nächstenliebe von den Juden nur auf ihre Raffegenoffen bezogen werde, während das Christenthum in dem Nächsten jeden der Liebe und des Beistands Bedürftigen erkenne; dabei predigt dasselbe Blatt die schnödeste Lieblosigkeit, ja den Rassenhaß und den Vertilgungskrieg gegen wehrlose Andersgläubige; es faselt von „jüdischer Verdrehuugskunst" und verdreht selbst das